Warum Ulrich Siegmund größer gemacht wird, als er ist
Für die einen ist Ulrich Siegmund ein charismatischer Hoffnungsträger, für die anderen ein gefährlicher Bösewicht. Gegner wie Fans überschätzen seine Bedeutung.
Die Titelseite des SPIEGEL macht das, wofür sie da ist: Sie regt auf. Zu sehen ist der AfD-Spitzenkandidat für Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund. Darunter ist zu lesen: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Extremer geht es kaum: bestimmter Artikel, Superlativ, herausgelöst aus der politischen Funktion, dazu eine Ästhetik, die an einen Fahndungsaufruf erinnert.
Völlig aus der Luft gegriffen ist die Warnung nicht. Denn der SPIEGEL blickt in seinem durchaus informativen Text zur Titelseite hinter die Fassade des Gute-Laune-Populisten und stößt in Siegmunds direktem Umfeld auf Menschen mit langer Karriere tief in der völkischen und neonazistischen Szene. Hinzu kommt ein mögliches Novum in der Geschichte der Bundesrepublik: Siegmund könnte in Sachsen-Anhalt tatsächlich Ministerpräsident werden, sofern mehrere kleinere Parteien den Einzug in den Landtag verpassen. Er wäre der jüngste Ministerpräsident aller Zeiten, vor allem aber der erste einer offen rechtsradikalen Partei.
Die AfD bedankt sich für die „tolle Werbeaktion“
Man kann diesen Titel also als Warnung lesen, als Versuch, noch einmal kräftig aufzurütteln. Doch gerade von jenen, die selbst seit Jahren vor einer AfD an der Macht warnen, kommt Kritik. Linken-Politiker Dietmar Bartsch findet das Cover skandalös. Es sei „Wahlkampfhilfe für die AfD“, sagte er gegenüber WELT. Die AfD nimmt diese Lesart dankbar auf und bedankt sich „für diese tolle Werbeaktion“ und zeigt ein Foto von Siegmund, wie er Exemplare des Spiegel-Covers signiert. Siegmund witzelt auf X: „Wenn wir am 06.09.26 46% holen, verrate ich euch, was wir für die Nummer im SPIEGEL bezahlt haben.”
Drei Wochen vor der Wahl zeigt die Debatte um das SPIEGEL-Cover, wie angespannt die politische Lage ist. Die einen haben Angst vor Siegmund, die anderen sehen in ihm einen Heilsbringer. So gegensätzlich diese Reaktionen sind, teilen sie doch eine Grundannahme: Ulrich Siegmund ist eine außergewöhnliche politische Figur, die maßgeblich für die aktuelle Stärke der AfD ist.
Dabei ist unbestritten, dass Siegmund einen Stil verkörpert, den man bei der AfD bislang eher selten gesehen hat: ein dauergrinsender Macher, einer, der Menschen begeistern kann, der sich ihre Namen merkt und, wie es im SPIEGEL-Text treffend beschrieben wird, einem jedes Auto andrehen könnte. Wer ihn live erlebt, sieht nicht nur Selfie-Warteschlangen, wie es sie derzeit bei kaum einem anderen Politiker in Deutschland gibt. Man merkt auch sofort, dass hier jemand einen anderen, auf den ersten Blick massenkompatibleren Sound anschlägt als viele seiner Parteifreunde.
Und es ist wohl auch auf Siegmunds Beliebtheit zurückzuführen, dass seine Partei und er selbst die Verwandtenaffäre, die in seinem eigenen Landesverband ihren Anfang nahm, zu Beginn des Jahres spurlos überstanden haben. Ein weniger charismatischer Politiker mit geringerer Reichweite in den sozialen Medien und einem geringeren Rückhalt im Landesverband hätte das vielleicht nicht so spurlos überstanden.
Keine Belege für einen überragenden Siegmund-Faktor
Siegmund ist ein politisches Talent, aber kein übermächtiges. Viele Fans wie Gegner überschätzen in diesen Tagen den Anteil Siegmunds an der aktuellen Stärke der AfD in Sachsen-Anhalt. Die AfD steht in den Sonntagsfragen zur Landtagswahl derzeit je nach Umfrageinstitut bei 41 bis 43 Prozent. Das ist selbstredend viel. Aber wie viel davon lässt sich tatsächlich Ulrich Siegmund zuschreiben?
Ein Vergleich mit der letzten Wahl in Sachsen-Anhalt lässt zumindest Zweifel am Siegmund-Faktor aufkommen. Bei der Bundestagswahl Anfang 2025 holte die AfD im Land bereits 37,1 Prozent. Sollte sie bei der Landtagswahl tatsächlich auf dem Niveau der aktuellen Umfragen landen, würde sie gegenüber der Bundestagswahl also ungefähr fünf Prozentpunkte zulegen. Das klingt zunächst nach viel, relativiert sich aber, wenn man den allgemeinen Aufwärtstrend der Partei berücksichtigt.
Bundestagswahlergebnisse und Landtagswahlumfragen sind nicht deckungsgleich, einen Hinweis liefern die Vergleiche dennoch: Bundesweit kommt die AfD in Umfragen aktuell auf etwa 28 Prozent und damit deutlich mehr als die 20,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2025. Anders gesagt: Für die Bundes-AfD geht es seit der Bundestagswahl sogar noch steiler nach oben als für AfD Sachsen-Anhalt mit ihrem Spitzenkandidaten Siegmund. Die verfügbaren Zahlen liefern also keine Belege dafür, dass Siegmund den entscheidenden Unterschied macht.
Die Stärke der AfD in Sachsen-Anhalt ist kein Sonderfall
Neben dem Vergleich zum Bundestrend gibt es noch ein weiteres Indiz, das gegen einen herausragenden Siegmund-Faktor spricht. Die AfD Sachsen-Anhalt ist auch im Vergleich mit anderen ostdeutschen Landesverbänden kein Sonderfall. In Thüringen liegt die AfD aktuell bei 40 Prozent. In Sachsen landete die AfD bei der letzten Umfrage bei jenen 42 Prozent, bei denen die AfD auch gerade in Sachsen-Anhalt steht. Die AfD schafft es auch ohne einen supercharismatischen Gute-Laune-Populisten, in Umfragen über die 40-Prozent-Marke zu kommen. Dafür braucht es also keinen Siegmund.
Auch bei seinen Persönlichkeitswerten ist Siegmund zwar stark, aber keineswegs überragend. Bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten läge er laut INSA nur knapp vor CDU-Kandidat und Ministerpräsident Sven Schulze. Im Sachsen-AnhaltTREND von Ende Juli zeigten sich 35 Prozent der Befragten mit Siegmunds Arbeit zufrieden, Schulze kam auf 29 Prozent.
Auch diese Zahlen lassen sich anders lesen als in der Erzählung vom unschlagbaren AfD-Posterboy: Siegmunds persönliche Zustimmung liegt deutlich unter den Umfragewerten seiner Partei. Bei Schulze ist es umgekehrt. Seine persönlichen Werte liegen über denen der CDU.
Zusammengenommen sprechen diese Zahlen gegen die Vorstellung, Siegmund sei der entscheidende Grund für die Stärke der AfD in Sachsen-Anhalt. Es ist eher umgekehrt: Siegmunds Stärke speist sich zu einem erheblichen Teil aus der allgemeinen Stärke seiner Partei – und besonders ihrer Stärke in Ostdeutschland.
Ein geringerer Zuwachs als im Bund, Umfragewerte auf einem ähnlichen Niveau wie in Thüringen und Sachsen, bei den Persönlichkeitswerten zwar vorne, aber mit deutlich geringerem Abstand zum Konkurrenzkandidaten als zwischen AfD und CDU: Warum funktioniert die Erzählung vom gefährlichen, beinahe übermächtigen Bösewicht Siegmund dennoch so gut?
Personalisierung im liberalen Journalismus
Ein Grund liegt in einer alten Logik des politischen Journalismus. Journalistinnen und Journalisten erklären grundlegende politische und gesellschaftliche Entwicklungen gerne über Personen. Personalisierung gehört zu den verbreiteten Mustern des politischen Journalismus in der bürgerlichen Öffentlichkeit. Für den SPIEGEL gilt das in besonderer Weise. Gerade deshalb wirkt die aktuelle Aufregung über das Cover ein wenig merkwürdig.
Seit seiner Gründung orientiert sich der SPIEGEL am US-amerikanischen TIME Magazine. Die von diesem etablierte typische Magazinlogik lautet: Politik muss in eine Story verpackt werden und eine gute Story braucht einen guten Protagonisten, einen Helden oder einen Bösewicht. Dass der SPIEGEL genau das macht, kann man kritisieren, nur sollte es nicht überraschen.
Schon 1957 kritisierte etwa Hans Magnus Enzensberger diese Logik in seinem berühmten Radio-Essay Die Sprache des Spiegel: „Das Gesetz der Story verlangt, daß Geschichte zum biografischen Detail werde“, schreibt er darin. Beim SPIEGEL gebe es, ähnlich wie beim TIME Magazine, die Vorstellung, Nachrichten entstünden vor allem durch Individuen und gerade nicht aus gesellschaftlichen Entwicklungen, Klassenauseinandersetzungen oder Interessengegensätzen. „Damit ist der Held gerechtfertigt; die Geschichte besteht aus Geschichtchen“, so Enzensberger.
Personalisierung und Dramatisierung, die Verdichtung vielschichtiger Entwicklungen auf eine These und, im Idealfall, auf ein einziges Bild auf dem Cover. „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ ist nach diesen Kriterien das perfekte Cover.



Wie bei Höcke. Der schafft es ja nichtmal, seinen Wahlkreis direkt zu gewinnen.
Was mir fehlt, ist das Konzept die AfD zu besiegen. Es ist auch so sinnlos mit Wählern der AfD zu reden, weil es nicht um Inhalte geht. Es geht nur um den Denkzettel für die CDU. Für ein erstarken der AfD mach ich auch die SPD verantwortlich, die sich seit Jahren als Steigbügelhalter der Menschenfeinde der CDU zeigen. Es ist zum Mäusemelken und wir in Sachsen Anhalt haben in nicht mal mehr einen Monat den Salat aus dem ganzen Dreck am stecken.