Ulrich Siegmund und Zohran Mamdani: Der neue Gute-Laune-Populismus
Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt steht für einen neuen Politiker-Typ. Wer ihn verstehen will, sollte weniger in die deutsche Geschichte schauen und mehr nach New York.
Ulrich Siegmund hat etwas, woran es der AfD seit ihrer Gründung mangelt: Charme. Noch immer werfen ihm manche Politiker vor, eine Partei zu vertreten, die für „Hass und schlechte Laune“ stehe, wie Katrin Göring-Eckardt am Rand des AfD-Parteitags sagte. Auf Veranstaltungen mit Siegmund erlebt man eher das Gegenteil: einen dauergrinsenden Politiker vor einer Anhängerschaft in Feierlaune, getragen von einer zur Schau gestellten Gewissheit des nahen Sieges.
Wer sich auf eine mögliche Regierung unter seiner Führung vorbereiten will, sollte deshalb weniger an die griesgrämigen Gespenster der deutschen Geschichte denken als an einen Politiker am entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums: den New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Beide verkaufen mit ihrer Art nicht nur ein Programm, sondern ein Kernversprechen: dass Gesellschaft sich grundlegend verändern lässt. Das soll man schon beim bloßen Anblick des Kandidaten fühlen.
Ein Verkäufer von Ideologie
Siegmund ist vor allem ein guter Vermarkter. Vor der Politik ließ er sich zum Groß- und Außenhandelskaufmann ausbilden, gründete 2014 ein Unternehmen für Raumbeduftung, ehe er 2016 sein Studium der Betriebswirtschaft und Wirtschaftspsychologie abschloss. In der Presse landete er zum ersten Mal zwei Jahre zuvor mit dem Vorschlag, Berliner U-Bahnhöfe zu beduften. Seit 2016 sitzt er für die AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt.
Dort hat er Karriere gemacht, als idealer „Verkäufer von Ideologie“, wie es der Sozialwissenschaftler und Theologe David Begrich einmal beschrieb. Genau dieses Talent fehlte der Partei in Sachsen-Anhalt: Mit Oliver Kirchner kam sie 2021 nur auf 20,8 Prozent – das erste Mal, dass die AfD bei einer Wahl in Ostdeutschland ein schlechteres Ergebnis als bei der vorherigen Wahl einfuhr. Siegmunds Ziel lautet inzwischen „45 Prozent plus x“. Erreicht er es, wird er in wenigen Wochen der jüngste Ministerpräsident, den Deutschland je hatte.
Das gebrochene Versprechen der CDU
Wie Siegmund sich selbst versteht, zeigte Ende Juni eine Szene im Landtag, als die AfD eine Debatte zu 24 Jahren CDU-Regierung erzwang. Siegmunds Kritik zielte auf ein gebrochenes Versprechen: Ministerpräsident Reiner Haseloff war 2021 mit der Zusage angetreten, bis zum Ende der Legislatur im Amt zu bleiben, übergab dann aber im Januar 2026 an Sven Schulze. Darin erkannte Siegmund eine Missachtung des Volkswillens: „Es gibt in meinen Augen nur einen einzigen, der darüber entscheiden sollte, wer hier Ministerpräsident wird: Das ist das Volk, das ist der Souverän“, rief er seinen Kollegen zu. Die konterten unisono, der Ministerpräsident werde gar nicht vom Volk gewählt. „Nein, das ist das Parlament“, rief etwa die SPD-Frau Juliane Kleemann.
Siegmund blieb angesichts dieser Belehrung gelassen und schloss mit einer grundsätzlichen Ansage:
„Das ist formal richtig. Aber es ist unser Anspruch als Demokraten, dass das Volk bei einer solchen wichtigen Entscheidung mitspricht. Und das hat es nicht, weil Sie das Volk belogen haben. Sechs Monate vor der Wahl so etwas zu machen, ist vielleicht parlamentarische Gepflogenheit, aber es ist unredlich gegenüber den Menschen in diesem Land. Es ist unredlich gegenüber der Demokratie.“
Der Sieg wird schon vermittelt, bevor er real ist
Wichtiger als die Arbeitsweise der Bundesrepublik ist Siegmund, was der einfache Bürger denkt. Das Volk wählt den Ministerpräsidenten zwar nicht, doch Siegmund insistiert darauf, dass es fühlen soll, ihm sei etwas genommen worden. Und so wie das Gefühl, dass einem etwas genommen wurde, schon reicht, um eine Kränkung politisch wirksam zu machen, reicht auch ein Gefühl der Zuversicht, um einen Umbruch wahr zu machen.
Die gute Laune, der Frohsinn der Radikalen ist die affektive Vorwegnahme eines Sieges, der formal noch gar nicht stattgefunden hat. Nach Jahren, in denen sich fast die gesamte AfD radikalisiert hat, könnte man Siegmund damit als letzten wirklichen Populist der Partei bezeichnen: Er ist einer, der dem Volk aufs Maul schaut und mit einem Dauergrinsen Hoffnung anbietet, dass sich mit ihm wirklich etwas ändern wird.
Radikale Ideen im Hintergrund
Das heißt aber nicht, dass er keine radikale Vision verfolgen würde. Mit Hans-Thomas Tillschneider steht einer der fundamentalsten Vordenker der AfD hinter ihm, er ist etwa verantwortlich für das „Regierungsprogramm“ des Landesverbands. Tillschneider vertritt einen strikten kulturellen Ethnopluralismus: Nicht Abstammung, aber hermetisch geschlossene Nationalkulturen sollen die Völker scheiden. Universalismus und Einwanderung gelten ihm, so führt er es in seinem gerade erscheinenden Grundsatzbuch „Kulturpolitik. Wie es ist deutsch zu sein“ aus, als eine Art Angriff auf die Existenzbedingungen des Menschen. Harter Tobak, der wohl erst durch gute Laune mehrheitsfähig wird.
Siegmund ist also der strahlende Verkäufer einer radikalen Vision. Genau darin ähnelt er dem immer gut gelaunten Mamdani, hinter dem mit den Democratic Socialists of America ebenfalls ein gefestigter ideologischer Unterbau steht. Auch Mamdani verspricht eine Politik ohne Vermittlungsinstanz, eine „politics of no translation“: ein Programm, das man beim Lesen sofort auf das eigene Leben beziehen kann, wie er im Sommer 2025 dem Time Magazine sagte. Auch er kämpft um die Deutungshoheit über das Gefühl: Politik soll unmittelbar als Erfahrung ankommen, ungefiltert von Institutionen oder Fachsprache. Und auch er verspricht, einen grundsätzlichen Politikwechsel über einen bloßen Personaltausch hinaus.
Pragmatische Ideologen
Beide gelten gleichzeitig als Pragmatiker mit Interesse an kreativen Lösungen. Mamdanis Vorschläge seien weniger radikal als das Zerrbild seiner Gegner, zugleich aufrichtiger in seinen linken Ambitionen, urteilte der Journalist Mark Chiusano, der ihn monatelang begleitete. Mamdani wollte die Polizei etwa vor einigen Jahren noch abschaffen, nach der Wahl ließ er dann die technokratische Leiterin der Polizeibehörde im Amt und versprach, die Zahl der Polizisten aufzustocken. Ähnliches gilt für Siegmund, für den ebenfalls nicht jede Entscheidung hundert Prozent AfD verkörpern muss. Und doch lautet der Leitspruch seiner Kampagne: „Alles ist möglich.“ Sie beide verkaufen die Gewissheit, dass Politik noch etwas bewirken kann. Der Gute-Laune-Populismus ist das Mittel, um das auch plausibel zu machen.
Ja, die politischen Projekte der beiden unterschieden sich inhaltlich so stark, wie es nur denkbar ist. Mamdani ist ein universalistischer demokratischer Sozialist, seine Kampagne beruhte auf dem Versprechen, ein New York „für alle“ zu schaffen. Siegmund will nur Ministerpräsident für alle „rechtschaffenen Bürger“ sein. Inhaltlich stehen die beiden Politiker für entgegengesetzte Ziele. Der eine ist Sozialist, der andere radikaler Rechter.
Und doch verkörpern sie einen neuen Typ Politiker, der in den späten 2020ern zum Erfolgsgaranten radikaler Projekte werden könnte. Beide beginnen ihre Karriere bei einer lokalen Wahl statt auf der nationalen Bühne – dort, wo sich Nähe herstellen lässt. Beide verwandeln ihre enorme digitale Reichweite in reale Verbindungen: Mamdani rief im Rahmen seiner Kampagne zur Schnitzeljagd durch New York auf, bei Siegmund ist es die Simson-Ausfahrt.
Und beider Aufstieg wird von etablierten Medien in dunkelsten Tönen gemalt: Mamdani galt als „unpatriotisch“, „unqualifiziert“, „linksradikal“, manchen gar als Antisemit. Bei Siegmund vergisst kein Medium die Einordnung der AfD Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextrem“ durch den Verfassungsschutz, bei der Amadeu-Antonio-Stiftung heißt es sogar, er wolle Asylsuchende nach der Wahl in Lagern konzentrieren.
Was man bei Mamdani lernen kann
Aber was heißt das für das Projekt von Ulrich Siegmund? Was kann man, gut sechs Monate nach Mamdanis Amtsantritt, von ihm für eine mögliche AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt lernen? An Mamdani lässt sich insbesondere sehen, wie schnell sich der Wind drehen kann. Seine Zustimmung liegt zurzeit bei rund 53 Prozent und damit deutlich höher als vor seiner Wahl. Zeitungen, die seinen Sieg noch als Menetekel gedeutet hatten, berichten inzwischen nüchterner, teils sogar positiv.
Allen, die darauf hoffen, dass sich ein AfD-Ministerpräsident an der Macht schnell entzaubern könnte, sollten bedenken: Ähnliches wie bei Mamdani könnte auch bei Siegmund passieren, wenn er zu Beginn vor allem pragmatische Gesetze umsetzt. Das deutet sich bereits am 100-Tage-Programm der Partei an: Darin geht es etwa um einen Führerscheinzuschuss für Auszubildende, um Deutschland- statt Regenbogenflaggen an öffentlichen Gebäuden, um eine Reduzierung der Ministerien. Nach hundert Tagen könnten auch bei ihm, wenn er sich pragmatisch genug zeigt, viele den Eindruck gewinnen, er sei gar kein so schlechter Verwalter.
Doch darf man nicht vergessen, dass dahinter eine langfristige Vision für eine grundsätzlich andere Gesellschaft steckt. Das Lächeln, der Pragmatismus, der Gute-Laune-Populismus ist nur das Mittel, mit dem man sie verwirklichen will. Man sollte, wie Mamdani zeigt, die Effektivität dieses Mittels nicht unterschätzen. Die Zukunft gehört wohl – im Guten wie im Schlechten – diesen kreativen, pragmatischen Ideologen.



Neu ist der Typus nicht, wir hatten bloß lange keinen.
Vor 30 Jahren, Schröder und Gysi in Hochform. Mit Abstrichen Lafontaine, wenn er nicht wütend war 🤭