Im Betrieb Kommunist, nach Feierabend AfD?
Bei den Betriebsratswahlen haben rechte Listen nur mäßigen Erfolg – obwohl die AfD unter Arbeitern so stark ist wie nie. Warum Arbeiter im Betrieb links und an der Wahlurne rechts wählen.
„Im Betrieb sind sie Kommunisten, nach Feierabend wählen sie CDU.“ Dieses Zitat geht höchstwahrscheinlich auf den antifaschistischen Widerstandskämpfer und Gewerkschafter Willi Bleicher zurück.1 Er spielte damit auf ein Phänomen an, das die Arbeiterschaft der Autoindustrie schon damals prägte: Im Betrieb verstanden sich die Beschäftigten als Teil einer kämpfenden Klasse, an der Wahlurne stimmten sie konservativ.
Man muss den Satz heute aktualisieren. Denn was damals die CDU war, ist heute die AfD. Bei den jüngsten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz konnte die Partei laut Nachwahlbefragungen ihren Stimmanteil unter Arbeitern mehr als verdoppeln:
In Baden-Württemberg landete sie unter Arbeiterinnen und Arbeitern mit deutlichem Abstand auf dem ersten Platz:
Dabei ist eine Einschränkung wichtig: Nachwahlbefragungen basieren auf Selbsteinschätzungen und erfassen nur diejenigen, die tatsächlich wählen gehen. Nichtwähler und all jene, die gar nicht wählen dürfen – etwa weil sie keine deutschen Staatsbürger sind – tauchen in den Statistiken nicht auf. Ihr Anteil ist gerade unter Arbeiterinnen und Arbeitern hoch. Doch auch andere Studien bestätigen das Phänomen.
Gewerkschaftsmitglieder wählen häufiger AfD als der Durchschnitt
Und selbst die Gewerkschaftsmitgliedschaft schützt offenbar nicht: Der langjährige wissenschaftliche Leiter der zentralen tarifpolitischen Dokumentationsstelle der DGB-Gewerkschaften, Reinhard Bispinck, hat kürzlich Daten der letzten Landtagswahlen zusammengefasst. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben Gewerkschaftsmitglieder deutlich häufiger die AfD gewählt als der Durchschnittswähler.
Doch wenn dieselben Arbeiter ihren Betriebsrat wählen – also dort, wo es nicht um Berlin, Brüssel oder eine Staatskanzlei geht, sondern um die eigene Firma, das Verhältnis von Kapital zu Arbeit, die Möglichkeit, bei der eigenen Arbeit mitzuentscheiden – dann sieht das Bild völlig anders aus. Bei den diesjährigen Betriebsratswahlen, die noch bis zum 31. Mai stattfinden, sind rechte Listen allenfalls ein Randphänomen. Rechte Einstellungen, die sich bei Parlamentswahlen in Stimmen für die AfD übersetzen, führen im Betrieb offenbar nicht zu rechten Mehrheiten.
AfD-naher Verein Zentrum schneidet bisher schwächer ab als erhofft
Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein Verein, der sich selbst als Gewerkschaft bezeichnet: „Zentrum“. Die rechte Pseudogewerkschaft versucht seit einigen Jahren, im Windschatten des AfD-Erfolgs Mandate in den Betriebsräten der deutschen Industrie zu erobern. Inzwischen arbeitet die AfD offen mit ihr zusammen; Alice Weidel und Markus Frohnmaier standen vor der Wahl in Baden-Württemberg sogar mit Zentrum-Funktionären vor dem Werkstor von Mercedes-Benz. In der medialen Berichterstattung steht der Verein deshalb immer wieder im Fokus – eine Aufmerksamkeit, die der Verein auf den ersten Blick kaum verdient. Gerade einmal 100 Mandate soll Zentrum bundesweit kontrollieren, bei rund 200.000 Betriebsrats- und Personalratsmandaten im ganzen Land.
Erste Ergebnisse der laufenden Wahlen, die Über Rechts vorliegen, bestätigen dieses Bild – mit kleinen Einschränkungen. Den größten Erfolg konnte Zentrum in seinem Stammwerk feiern: In Stuttgart-Untertürkheim stieg das Wahlergebnis der Pseudogewerkschaft von knapp 16 auf 21 Prozent, das sind gut 500 Stimmen mehr als vor vier Jahren. Die IG Metall verlor dort gleichzeitig fünf Prozentpunkte. Weitere Zugewinne gab es in Sindelfingen, Ingolstadt und Rastatt, wenn auch in geringerem Ausmaß. Anders sah es in Zwickau aus, wo sich Zentrum das ambitionierteste Ziel gesetzt hatte: Eine von ihr unterstützte Liste sollte die Mehrheit im Betriebsrat holen. Stattdessen bekam sie, wie schon vor vier Jahren, nur 4 von 35 Mandaten.
Der Soziologe Klaus Dörre hält die bisherigen Ergebnisse für ein schlechtes Zeichen für die Rechten. Gerade die misslungene Wahl in Zwickau sei eine schwere Schlappe. Sein Befund: „Es ist nach den bis jetzt vorliegenden Ergebnissen nirgendwo gelungen, Arbeiter-Stimmen für die AfD in Zustimmung zu rechtsextremen Betriebsratslisten umzumünzen.“
Auch Fanny Staudinger vom Verein zur Bewahrung der Demokratie, der von der IG Metall mitinitiiert wurde, spricht auf Anfrage von einem „marginalen Erfolg“ der Rechten. Zwar habe Zentrum leichte Zuwächse verzeichnet und in einigen Firmen erstmals Mandate errungen. Insgesamt seien es aber weiterhin sehr wenige Sitze. Das gelte selbst, wenn man einberechnet, dass es einige „Tarnlisten“ gebe, also Listen, die unter anderem Namen antreten, aber in engem Austausch mit Zentrum stehen. Aktuell lassen sich Zentrum nur 25 eindeutige Mandate zurechnen, wahrscheinlich seien es mehr.
Politische Fragen spielen im Betrieb kaum eine Rolle
Wie also kann es sein, dass Arbeiter bei Parlamentswahlen eher rechts und bei Betriebsratswahlen eher gewerkschaftsnah wählen? Die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja erklärt das gegenüber Über Rechts so: „In jedem Kopf haben ganz unterschiedliche Identitäten Platz.“ Sie verweist auf das eingangs genannte Zitat und formuliert die dahinterliegende Logik: Im Betrieb verstehen sich die meisten als Teil der arbeitenden Klasse. Der Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist dort spürbar: Man steht als Belegschaft dem Management gegenüber, wird als abhängig Beschäftigter vom Betriebsrat vertreten, kämpft als Gewerkschaft gemeinsam für Tarifverträge. Politische Fragen, die darüber hinausgehen – Migration, Identität, die großen Kulturkämpfe – spielen im Betrieb meist keine große Rolle.
Bei den Betriebsratswahlen profitiert davon der Platzhirsch: die IG Metall, die in den vergangenen Jahren vor allem als Tarifexpertin aufgetreten sei und sich mit politischer Positionierung „eher zurückgehalten“ habe, wie es Mayer-Ahuja ausdrückt. Die IG Metall profitiert, so kann man das verstehen, bei den Betriebsratswahlen gerade davon, dass sie sich auf das Materielle konzentriert und die politischen Grabenschlachten anderen überlässt. Fanny Staudinger vom gewerkschaftsnahen Verein zur Bewahrung der Demokratie sieht das ähnlich: „Noch können die Gewerkschaften davon profitieren, dass viele im Betrieb ihnen zutrauen, erfolgreich für konkrete, spürbare Verbesserungen kämpfen zu können.“
Wie lange können Gewerkschaften ihre Vormachtstellung behaupten?
Die Frage ist, wie lange dieses fragile Gleichgewicht hält. Die Industriekrise wird nicht abebben, und Zentrum wird die Zugewinne nutzen, um seinen Einfluss auszubauen. „Zentrum wird in Zukunft nicht weniger aktiv sein“, warnt Fanny Staudinger. „Sie werden vielmehr versuchen, sich noch stärker mit der AfD zu verzahnen und sich mit anderen Akteuren des AfD-nahen Vorfelds zu vernetzen.“
Ob die IG Metall ihre Vormachtstellung behaupten kann, hängt aber nicht nur von Zentrum ab. Nicole Mayer-Ahuja verweist auf die enormen Herausforderungen, vor denen die Belegschaften stehen: „Viele, etwa bei Automobilfirmen und ihren Zulieferern, stehen unter enormem Druck. Die stockende Transformation zur E-Mobilität, wachsende internationale Konkurrenz, hohe Gewinnerwartungen der Eigentümer und Aktionäre führen dazu, dass massenhaft Arbeitsplätze abgebaut und geltende Arbeitsstandards infrage gestellt werden.“ Das Management erhöhe vielerorts den Druck – so etwa bei Volkswagen Ende 2024, als das Unternehmen mehrere Tarifverträge einseitig aufkündigte. Viele Beschäftigte waren damals schockiert.
„Manche Beschäftigte dürften die IG Metall diesmal nicht gewählt haben, weil sie die einst unanfechtbare Gewerkschaft angesichts dieser Entwicklung als hilflos empfinden und sich ein effektiveres Co-Management wünschen – andere, weil sie von der IG Metall eine sehr viel entschiedenere Offensive gegen die Unternehmensleitung erwarten“, so Mayer-Ahuja. Die Gewerkschaft steckt damit in einem doppelten Spagat: Sie muss gleichzeitig als verlässliche Partnerin des Managements und als kampfbereite Vertreterin der Belegschaft auftreten. Selbst Co-Management funktioniere aber nicht mehr, wenn sich das Management dem verweigert. „Dann muss man als Gewerkschaft andere Wege finden, Beschäftigteninteressen mit Nachdruck zu vertreten.“
Tut sie das nicht, droht die Logik zu kippen, die rechte Einstellungen im Betrieb bislang neutralisiert hat. Die Gleichung, die derzeit noch aufgeht – die IG Metall liefert konkrete Ergebnisse, also wählt man sie, egal was man sonst denkt – funktioniert nur so lange, wie die Gewerkschaft diese Erwartungen auch tatsächlich erfüllen kann. Verliert sie diese Fähigkeit, könnte sich das ändern, was bisher als selbstverständlich galt: dass im Betrieb rechte politische Einstellungen weniger zählen als die konkreten ökonomischen Interessen. Die Hegemonie der DGB-Gewerkschaften in den Betrieben steht noch. Aber sie steht auf einem Fundament, das bröckelt.
Mit letzter Sicherheit lässt sich der Spruch Willi Bleicher nach heutigem Kenntnisstand nicht zuschreiben. Die Überlieferung ist widersprüchlich, nicht zuletzt, weil verschiedene Varianten des Ausspruchs im Umlauf sind. Eine davon lautet: „Unsere Mitglieder sind im Betrieb revolutionäre Kommunisten, auf dem Heimweg brave Sozialdemokraten und daheim wählen sie den Späth und den Kohl.“ Für diese Fassung gibt es einen Beleg aus dem Jahr 1986; dort erscheint sie allerdings nur als Ausspruch eines nicht namentlich genannten Stuttgarter IG-Metall-Funktionärs. Vieles spricht dafür, dass damit Franz Steinkühler gemeint sein dürfte, denn die Wahlkombination Späth/Kohl war erst ab 1982 möglich, also nach Bleichers Tod im Jahr 1981. Plausibel ist daher, dass Steinkühler die 1986 dokumentierte Formulierung selbst geprägt hat, dabei aber einen älteren, auf Bleicher zurückgehenden Ausspruch abwandelte. Dafür spricht auch, dass er ein enger Vertrauter und Schüler Willi Bleichers war. Zugleich berichten mehrere Zeitzeugen auf Nachfrage, sie hätten den eingangs zitierten Spruch in leichten Abwandlungen bereits in den 1970er Jahren von Willi Bleicher selbst gehört.






