Exklusiv: Alice Weidel und Markus Frohnmaier werben mit „Zentrum“
Lange galt der rechtsradikale Verein „Zentrum“ selbst der AfD als zu rechts. Das hat sich offenbar geändert, wie eine gemeinsame Aktion zeigt.
Alice Weidel und Markus Frohnmaier lächeln in die Kamera, als sie in Stuttgart-Untertürkheim ein Video für Instagram aufnehmen. Sie stehen vor Tor 7 des Mercedes-Benz-Stammwerks und machen Wahlkampf für die anstehende Landtagswahl. Mit dabei sind auch führende Vertreter des rechtsradikalen Vereins Zentrum, der seinerseits im Rahmen der anstehenden Betriebsratswahlen für sich werben möchte. Ein gemeinsamer Auftritt der AfD-Spitze mit einem rechtsradikalen Verein – das ist im Jahr 2026 kaum noch eine Nachricht. Aber der klare Schulterschluss von Weidel und Frohnmaier mit Zentrum überrascht dann doch. Denn vor noch nicht allzu langer Zeit waren beide erbitterte Gegner des Vereins und drangen darauf, dass es keine Zusammenarbeit mit Zentrum geben dürfe. Aber dazu gleich mehr.
Gemeinsam am Werkstor
Bleiben wir zunächst in Untertürkheim: Von der Aktion gibt es nicht nur das Video, das Markus Frohnmaier bei Instagram gepostet hat. Uns wurden mehrere Videos zugespielt, die den gemeinsamen Besuch von AfD und Zentrum am Werkstor dokumentieren. Alice Weidel macht Selfies, verteilt aber keine Flyer. Wenige Beschäftigte wollen Foto mit Frohnmaier; dafür versucht er, Flyer an Frau und Mann zu bringen.
Sowohl auf den uns zugespielten Aufnahmen als auch im Instagram-Video von Frohnmaier ist prominent der Gründer von Zentrum zu sehen: Oliver Hilburger. Dessen Verstrickungen in die Neonazi-Szene dürften vorgeblich einer der Gründe gewesen sein, warum Alice Weidel und Markus Frohnmaier einen solchen Auftritt noch vor ein paar Jahren nicht gemacht hätten. Es war im Oktober 2021, als der AfD-Landesvorstand Baden-Württemberg beim Bundesvorstand erwirken konnte, dass der Verein „Zentrum Automobil“, der inzwischen in „Zentrum“ umbenannt wurde, auf die Unvereinbarkeitsliste der Partei kommt. In einem fast 100-seitigen Dossier, das der Landesvorstand damals erstellen ließ, ging es um die Neonazi-Hintergründe zahlreicher Vereinsmitglieder und um eine von der NPD mitvorbereitete Veranstaltung aus dem Jahr 2021, bei der sowohl Zentrum- als auch AfD-Redner gesprochen haben. Letztere Information haben die Verfasser des AfD-Dossiers damals übrigens einem Antifa-Text entnommen – den sie zur Sicherheit komplett im Wortlaut an das Dossier angehängt hatten.
Mit Antifa-Erkenntnissen gegen die parteiinternen Kontrahenten
In dem Dossier ging es auch um Hilburger. Der Gründer von Zentrum war Gitarrist bei der Band „Noie Werte“, in den 1990er- und 00er-Jahren eine der wichtigsten Neonazibands Europas. Wer sich einen Eindruck von der Konzertatmosphäre machen möchte, kann sich einen Fernsehbeitrag ansehen, den ich im Sommer mit meinem Kollegen Philipp Hennig über den rechten Verein gemacht habe. Darin sind Aufnahmen zu sehen, wie Oliver Hilburger mit seiner Band in Italien spielt. Beim Song „Alter Mann von Spandau“ – eine Hommage an Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß – wird im Publikum fleißig mitgesungen, mitgegrölt. Dazu wird der rechte Arm stramm in die Höhe gereckt.
Dass der Landesvorstand 2021 mithilfe von Antifa-Recherchen gegen Zentrum vorging, hatte nicht nur inhaltliche Gründe. Denn Alice Weidel und ihr Gefolgsmann Markus Frohnmaier standen zu diesem Zeitpunkt im eigenen Landesverband massiv unter Druck. Eine Gruppe um den damaligen Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel drängte nach mehr Macht im Landesverband und setzte Weidel und Frohnmaier unter Druck. Spaniel ist eng vernetzt mit Zentrum – und die Landesspitze hatte Sorge, dass er sich mit Zentrumsmitgliedern eine Machtbasis schaffen und den Verband übernehmen könnte. In dem Konflikt konnte sich die Landesspitze durchsetzen: Zentrum landete 2021 auf der Unvereinbarkeitsliste. Eine gleichzeitige Mitgliedschaft in Zentrum und in der AfD war damit offiziell ausgeschlossen. Der Vorstand des Vereins bestehe nahezu vollständig aus Personen, „die sich in der Vergangenheit rechtsextremistisch oder neonazistisch betätigt haben sollen“, hieß es im Beschluss.
Alice Weidel 2022: „Ich halte diesen Verein für hochgradig toxisch“
Gegen die Entscheidung ging die äußerste Parteirechte um Höcke 2022 beim Bundesparteitag der AfD in Riesa vor. Zentrum sei Teil des sogenannten Vorfelds der AfD und helfe dabei, die eigenen Positionen in der Gesellschaft zu verankern. Höcke sagte damals auf dem Parteitag:
„Wir brauchen das Vorfeld. Deswegen sage ich ja zu den freien Medien, ich sage ja zu den Bloggern, ich sage ja zu den Bürgerbewegungen, ich sage ja zum Zentrum Automobil. Wir brauchen dieses Vorfeld, ohne dieses Vorfeld sind wir nichts und werden nicht durchbrechen.“
Frohnmaier selbst hielt in der Debatte dagegen und machte sich noch einmal die Antifa-Erkenntnisse zunutze: „Solange die Vertreter des Zentrums in Baden-Württemberg Veranstaltungen wie 2021 mit NPD und Drittem Weg machen, wollen wir als baden-württembergische Landespartei im Moment keine Kooperation.“ Letztlich konnte sich die Fraktion um Björn Höcke in Riesa durchsetzen. Eine Mehrheit stimmte dafür, Zentrum wieder von der Unvereinbarkeitsliste zu nehmen.
Alice Weidel aber wollte sich nicht geschlagen geben. Wenige Tage nach dem Bundesparteitag von Riesa sagte sie auf einer Pressekonferenz: „Ich halte das Zentrum Automobil für einen Verein und nicht für eine klassische Gewerkschaft, in dem sich – vor allen Dingen im Vorstand – extrem problematische, toxische Personalien tummeln, die sich im rechtsextremen Milieu herumtreiben.“ Und weiter: „Ich bleibe dabei: Ich halte diesen Verein für hochgradig toxisch und werde das auch immer so vertreten.“
Alice Weidel 2026: Bündnispartner „Zentrum“
Heute sieht sie das offensichtlich anders. Von den einstigen Konflikten zwischen Weidel und Frohnmaier auf der einen und Oliver Hilburger und Zentrum auf der anderen Seite ist auf den vorliegenden Aufnahmen vom gemeinsamen Wahlkampf in Untertürkheim nichts zu sehen. Haben Weidel und Frohnmaier einfach ihre Meinung zu Zentrum geändert?
Vielleicht – eine gewisse inhaltliche und taktische Flexibilität scheint beiden nicht fremd zu sein. Weidel etwa war vor vielen Jahren eine scharfe Kritikerin von Björn Höcke; inzwischen sind sie Bündnispartner in gemeinsamen parteiinternen Netzwerken. Frohnmaier hat seine Flexibilität besonders in außenpolitischen Fragen unter Beweis gestellt: Einst galt er parteiintern als Putin-Marionette, heute macht er eher mit USA-Reisen und engen Beziehungen zu den dortigen Republikanern auf sich aufmerksam. Vielleicht erhoffen sie sich also einfach die Stimmen der Arbeiter in Baden-Württemberg und suchen deshalb die Nähe zu Zentrum.
Vor allem Zentrum profitiert von der gemeinsamen Aktion
Doch diejenigen, die sich mit Zentrum und seinen Anhängern wohl besser auskennen als alle anderen in der Region, haben an dieser Theorie ihre Zweifel. Fanny Staudinger vom „Verein zur Bewahrung der Demokratie“, einem von der IG Metall mitinitiierten Verein, der sich gegen rechtsradikale Bestrebungen in den Betrieben einsetzt, berichtet auf Anfrage aus den Betrieben: Die AfD habe unter Beschäftigten in der Automobilbranche durchaus Zuspruch, sagt sie. Und auch Zentrum sei etwa am Standort Untertürkheim sichtbar – dennoch sei der Verein gemessen an seinem Potenzial eher schwach verankert, so Staudinger gegenüber Über Rechts. Gewerkschaftseigene Studien würden zeigen, dass es unter Arbeitern in der Industrie ein überdurchschnittliches Wählerpotenzial für die AfD gibt. „Bei den Betriebsratswahlen schneidet Zentrum aber immer deutlich schwächer ab, als es das Wählerpotenzial für die AfD vermuten lässt“, erklärt sie.
Auch in Zahlen wirkt das Missverhältnis deutlich: Gemessen an Hunderttausenden Betriebs- und Personalratsmandaten liegen die geschätzten 20 bis 50 Mandate, die Zentrum hält, im Promillebereich. Das heißt: Rechte Arbeiter – oder zumindest solche, die mit rechten Parteien sympathisieren – wählen bei Parlamentswahlen auch mal die AfD, bei den Betriebsratswahlen aber eher noch die IG Metall.
Von der gemeinsamen Aktion in Untertürkheim dürfte also vor allem Zentrum profitieren: Sie erhoffen sich von der prominenten Unterstützung Rückenwind für die Betriebsratswahlen. Doch ob irgendjemand in Untertürkheim jetzt AfD wählt, weil Weidel und Frohnmaier sich mit Zentrum haben blicken lassen, hält Staudinger für ziemlich unwahrscheinlich.
AfD und Zentrum verpassen Spätschicht
Auch vor Tor 7 in Stuttgart-Untertürkheim scheinen sich die Beschäftigten eher für die AfD als für Zentrum zu interessieren. Auf den Videos, die die Aktion zeigen, sind allerdings insgesamt nur wenige Menschen zu sehen. Offenbar kamen AfD und Zentrum zu spät: Fast alle, die zur Spätschicht mussten, waren längst drin, und der allergrößte Teil der Frühschicht schon draußen, als die Autos von Weidel und Co. vorfuhren, berichten Beschäftigte. Und das ausgerechnet vor Tor 7, denn dort kommen ohnehin deutlich weniger Leute heraus als an den großen Toren. Die Beschäftigten gehen eher vereinzelt durch die Drehtür; größere Gruppen kommen kaum vorbei.
Warum sich AfD und Zentrum nicht vor eines der Haupttore positioniert haben, lässt sich nur vermuten. Ein Beschäftigter äußert den Verdacht, die Aktion könnte gar nicht angemeldet gewesen sein – und AfD und Zentrum hätten ohne Erlaubnis Wahlkampf gemacht. An den Haupttoren wären AfD und Zentrum möglicherweise von Sicherheitspersonal gestört worden. An Tor 7 hingegen gebe es kein Sicherheitspersonal. Entsprechende Anfragen von Über Rechts ließen AfD und Zentrum unbeantwortet.
Parteiinterne Konkurrenz wechselt zur Werteunion
Seit einiger Zeit ist eine schrittweise Annäherung zwischen Zentrum und der AfD feststellbar. Regelmäßig tritt Oliver Hilburger bei AfD-Veranstaltungen auf, andersherum machen Zentrumsleute auch Wahlkampf für AfD-Politiker. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass Weidel und Frohnmaier nie inhaltliche Probleme mit Zentrum hatten, sondern sich vor allem wegen der Personalie Spaniel an dem Verein abgearbeitet haben.
Nachdem Spaniel aber im Oktober 2024 eine Kampfabstimmung um einen Landeslistenplatz für die Bundestagswahl verloren hatte, verließ er die Partei. Später trat er der Werteunion bei. Für diese kandidiert er gerade auf Listenplatz 3 für den Landtag in Baden-Württemberg – übrigens neben Spitzenkandidat Jörg Meuthen. Den einstigen erbitterten Gegner Spaniel ist Weidel also los; möglicherweise ist der äußerst machtbewussten AfD-Vorsitzenden deshalb heute egal, um was es sich bei Zentrum handelt.
Win-win für Partei und für Zentrum?
Vielleicht verhält es sich mit Zentrum ähnlich wie mit der Generation Deutschland. Diese Organisation ist mitnichten weniger rechts als die Vorgängerorganisation, die Junge Alternative für Deutschland – aber sie ist als offizielle Jugendorganisation unter stärkerer Kontrolle der Partei. Eine offizielle Untergliederung der AfD ist Zentrum nicht – weder formal noch faktisch. Aber es lohnt ein Blick auf aktuelle Listen für die Betriebsratswahlen. Fanny Staudinger und der Verein zur Bewahrung der Demokratie haben da einen guten Überblick. „Wir haben mehrere Fälle, dass lokale AfD-Politiker und Mitglieder auf aussichtsreichen Listenplätzen von Zentrum auftauchen“, sagt Staudinger gegenüber Über Rechts.
Das könnte eine Win-win sein: Für die AfD-Politiker winken Freistellungen als Betriebsräte. Als solche sind sie zwar verpflichtet, ausschließlich Betriebsratsarbeit zu machen. Wo aber die konkrete Betriebsratsarbeit aufhört und die mittelbare Arbeit für die Sache der Partei beginnt, lässt sich bei einem so umfassenden politischen Projekt, wie es die AfD verfolgt, kaum voneinander trennen. Andererseits würde die AfD mit mehr Parteimitgliedern in den Schaltstellen des Zentrums ihren Einfluss auf den Verein steigern.


