Zwei Verlage rücken nach rechts
In Deutschland verlassen 32 Autoren den Westend-Verlag, in Frankreich mehr als 200 das Traditionshaus Grasset. Beide protestieren gegen den Rechtsruck, doch es gibt einen entscheidenden Unterschied.
Eigentlich steckt die Buchbranche seit Jahren in der Krise. Umso erstaunlicher ist, wie regelmäßig sie Konflikte produziert, die weit über sie hinausweist. Gerade lassen sich gleich zwei davon besichtigen: einer in Deutschland, einer in Frankreich. In beiden Ländern stellt sich eine Gruppe von Autorinnen und Autoren öffentlich gegen ihren eigenen Verlag, in beiden Fällen lautet der Vorwurf, das Haus rücke nach rechts. Der deutsche Fall hat es in die Schlagzeilen geschafft, der französische blieb hierzulande weitgehend unbemerkt. Es liegt nahe, beide als dasselbe Phänomen zu lesen. Ganz falsch ist das nicht. Aber wer genauer hinsieht, bemerkt, dass die beiden Proteste doch in unterschiedliche Richtungen zielen.
Der Fall Westend: Ein Buch zu viel
Beginnen wir in Deutschland. 32 Autorinnen und Autoren, darunter Gregor Gysi, die taz-Journalistin Ulrike Herrmann und der Armutsforscher Christoph Butterwegge, werfen dem Frankfurter Westend-Verlag in einem offenen Brief vor, sein Programm „bis hin zur extremen Rechten erweitert“ zu haben. Anlass ist der Band „Links – Deutsch / Deutsch – Links”, herausgegeben von Julian Reichelt, dem früheren Bild- und heutigen NIUS-Chefredakteur, und seiner Kollegin Pauline Voss. Das Buch (über das wir auch in unserer letzten Podcast-Folge gesprochen haben) ist nicht der erste Titel aus dem rechten Spektrum bei Westend. 2021 erschien Wolfgang Kubickis „Die erdrückte Freiheit“, im April 2025 Ulf Poschardts „Shitbürgertum“, das zuvor ein anderer Verlag abgelehnt hatte und das Poschardt erst im Selbstverlag vertrieb.
Die Autorinnen und Autoren betonen, diese Öffnung hätten sie „im Sinne der Meinungsfreiheit“ noch hingenommen. Mit dem NIUS-Band sei eine Grenze überschritten. Hier kämen Publizisten einer Plattform zu Wort, die „Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft“, einige Beiträger stünden der „demokratiebedrohenden“ AfD nahe. Vorschreiben wollen sie dem Verlag nichts. Sie selbst aber möchten „nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft“ auftauchen.
Sie weisen auch darauf hin, dass Westend sich bis vor Kurzem auf der eigenen Homepage noch als „Plattform für kritische, linke Perspektiven“ bezeichnete. Diese Selbstbeschreibung ist inzwischen verschwunden. Der Verlag reagierte auf den Protest (unter anderem in der Berliner Zeitung) demonstrativ gelassen. Viele dieser Bücher habe man ohnehin kaum noch verkauft, das letzte von Gysi sei vor elf Jahren erschienen. Und statt eines vagen Bekenntnisses zur Linken stünden auf der Website nun konkrete Inhalte, für die man stehe: Soziale Ungleichheit, Fragen von Frieden und Krieg, demokratische Teilhabe und ökologische Krisen. Inwiefern das auf die Bücher von Ulf Poschardt, Wolfgang Kubicki und der NIUS-Redaktion zutrifft, bleibt das Geheimnis der Verleger.
Der Fall Grasset: Wenn der Eigentümer durchregiert
In Frankreich ist der Fall bei genauerer Betrachtung etwas anders gelagert. Dort verließen nicht 32, sondern inzwischen mehr als 200 Autorinnen und Autoren ihren Verlag, darunter Virginie Despentes, Frédéric Beigbeder und Bernard-Henri Lévy. Und es ging auch nicht um einen kleineren Verlag, sondern um Grasset, 1907 gegründet, seit 1954 Teil der Hachette-Gruppe – eines der großen Traditionshäuser des Landes. Auslöser war hier kein Buch, sondern eine Personalie: Am 14. April 2026 wurde Verlagsleiter Olivier Nora abgesetzt, der das Haus 26 Jahre lang geführt hatte. Veranlasst hat das der neue Herr über Hachette: der bretonische Milliardär Vincent Bolloré, der seit 2023 Eigentümer der Gruppe ist.
Bolloré ist, so viel war von Anfang an klar, kein gewöhnlicher Verlagsbesitzer. Er steht der äußersten Rechten offen nahe und hat seine Medien auch zuvor systematisch in deren Dienst gestellt. Bei der zur Gruppe gehörenden Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche ließ er den Chefredakteur durch einen rechten Journalisten ersetzen, woraufhin die Redaktion wochenlang streikte. Beim Verlag Fayard, ebenfalls Teil der Gruppe, erschienen nach seiner Übernahme die Bücher von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy und von Jordan Bardella, dem Vorsitzenden des Rassemblement National (RN).
Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen im Sommer 2024 machten seine Sender bis zum Schluss Wahlkampf für eben diesen RN. Außerdem unterstützte Bolloré den noch weiter rechts stehenden Éric Zemmour, dessen Bücher anschließend ebenfalls bei Fayard erschienen. Den Rauswurf Noras begründete Bolloré mit einem Streit über das Erscheinungsdatum eines Buches und mit Noras angeblich zu hohem Gehalt. Doch kaum jemand in Frankreich scheint ihm das zu glauben. Zu offensichtlich fügt sich der Rauswurf in das bisherige Agieren Bollorés ein.
Was in Frankreich auf dem Spiel steht, hat der Grasset-Autor Olivier Guez in der New York Times benannt:
„We are opening our eyes rather late in France to the efforts of the right to assume cultural control, to determine the words we consume, the discourse in which we partake. The message of authoritarians everywhere is the same: Whoever isn’t with me is against me, and whoever won’t follow me will get the boot. The boss is always right, so he steamrolls his way through and imposes his worldview. He exerts his power. He demands absolute loyalty from his subordinates.“
Bolloré verteidigt sich: Er wolle gar keinen politischen Einfluss nehmen, sondern einfach nur, dass das Business besser läuft.
Zwei Proteste, zwei Welten
Wir haben es also mit zwei Verlagen zu tun, die sich beide nach rechts öffnen. Beide Male scheint das auch mit den Zwängen des Markts zu tun zu haben. Und doch unterscheiden sich die beiden Fälle. In Frankreich greift ein Medienmogul durch, der bereits Fernsehsender, Zeitungen und Verlage kontrolliert und nun auch das letzte eigenständige Haus seiner Gruppe auf Linie bringt. Er bestimmt, wer es leitet, und übt so tatsächlich Macht darüber aus, was gedruckt und sichtbar gemacht wird. In Deutschland dagegen entscheidet ein kleiner, 2004 gegründeter Verlag in Eigenregie, nun auch rechte Bücher zu drucken – und ist damit auch noch erfolgreich. Aber: Niemand zwingt ihn dazu, niemand kauft ihn auf.
Deshalb ist die Stoßrichtung letztlich eine andere: In Frankreich kämpfen die Autoren – staatstragende wie querdenkende Linke, Konservative wie Liberale – gegen einen rechten Eigentümer, der offenbar vorgeben will, was noch gesagt werden darf. Sie verteidigen den offenen Diskurs gegen einen, der ihn von oben verengt. In Deutschland steht die Sache fast spiegelverkehrt. Hier beruft sich der Verlag auf die Meinungsfreiheit und einen offenen Diskurs – aund es sind linke Autorinnen und Autoren, die eine Grenze ziehen und in der Nähe rechter Stimmen nicht mehr auftauchen wollen.
Das ist gut begründbar. Niemand muss sein Buch in einem Verlag veröffentlichen, dessen Programm er politisch nicht mitragen möchte. Aber die Bewegung ist doch eine andere: Dort verteidigen Autoren die offene Debatte gegen die Macht des Eigentümers, hier markieren Autorinnen und Autoren selbst die diskursiven Grenzen. Ob das viel ausrichtet, darf bezweifelt werden – jedenfalls dann, wenn der Markt das Verlegen rechter Bücher offenbar goutiert. Das NIUS-Buch stand jedenfalls nach Erscheinen auf Platz eins der Bestsellerliste. Und dagegen kommt kein offener Brief an.



Interessant. Vielen Dank. Auch für das verlinkte Interview. Den Fall Baud kannte ich gar nicht. Hab recherchiert.