Springer braucht kein Geheimtreffen: Wie Bild und Welt die AfD hofieren
Fand zwischen Mathias Döpfner und Friedrich Merz ein Vier-Augen-Gespräch zur Brandmauer statt? Ein Blick in BILD und WELT verrät jedenfalls, was man bei Axel Springer von der Brandmauer hält.
Aufregung in Berlin-Mitte: Springer-Chef Mathias Döpfner soll Kanzler Merz offensiv dazu gedrängt haben, mit der AfD zusammenzuarbeiten. Das jedenfalls behaupten der Journalist Stephan Lamby und die Journalistin Eva Quadbeck in einem Podcast. Sie berichten von einem Vier-Augen-Treffen zwischen Döpfner und Merz, das Anfang des Jahres im Kanzleramt stattgefunden haben soll. Lamby und Quadbeck waren zwar nicht dabei, aber es gebe „Sekundärquellen”, „Indizien” und „gut informierte Personen”, auf deren Grundlage der Gesprächsverlauf rekonstruierbar sei. Merz soll demnach zu Döpfner gesagt haben, eine Zusammenarbeit mit der AfD komme nicht infrage: „Das wird nicht passieren. Nur über meine Leiche.“ Anschließend habe er Döpfner rausgeworfen, der das Gespräch beim Herausgehen mit einer Drohung beendete: „Das werden Sie noch bereuen.“
Der Springer-Konzern weist die Vorwürfe als absurd zurück: „Die Unterstellung, Mathias Döpfner hätte den Kanzler zu einer Zusammenarbeit mit der AfD gedrängt, ist eine glatte Lüge.“ In dem Statement verweist das Unternehmen noch auf etwas anderes: Bereits im November 2025 habe in Berliner Journalistenkreisen eine Nachricht kursiert, in der „nahezu wortgleich“ ein Gespräch zwischen Döpfner und Merz wiedergegeben worden sei wie jenes, von dem nun Lamby berichtet – der datiert die Szene allerdings auf Anfang 2026.
Große Verwirrung im politischen Berlin: Fand dieses Vier-Augen-Gespräch nun statt? Was wurde darin gesagt? Wenn es stattfand: Wann war es? Was steht in jener Nachricht, die in Berliner Journalistenkreisen kursiert haben soll? Und wer sind eigentlich diese “gut informierten Personen”, von denen die Rede ist?
Es verwundert nicht, dass diese Fragen die Speerspitze des politischen Journalismus in Wallung bringen. Aber eigentlich bräuchte es weder Vier-Augen-Gespräche noch kursierende Nachrichten. Ein kursorischer Blick in die Produkte des Springer-Konzerns ist aufschlussreich genug, um zu sehen, wohin die Reise für einen der umsatzstärksten Medienunternehmen Europas gehen dürfte.
Etwa bei BILD: Dort schrieb Chefredakteurin Marion Horn kürzlich einen bemerkenswerten Kommentar gegen die Brandmauer. Die Regierung habe nicht begriffen, wie ernst die Lage sei: „Deutschland braucht keinen weiteren Warnhinweis. Deutschland braucht endlich einen Befreiungsschlag. Bei Rente, Steuern, Arbeit, Bürokratie“, schrieb Horn. Dagegen sei die Brandmauer noch keine Politik.
Wie die Bevölkerung die Sache sieht, weiß BILD natürlich auch. In dem Beitrag Das denken die BILD-Leser über die Brandmauer verkündete das Blatt Volkes Wille. Klares Ergebnis: 84 Prozent sind für eine Zusammenarbeit mit der AfD.
Und weil Chefredakteurin und Leser noch nicht ausreichen, legte BILD noch einmal nach: „Das sagen Deutschlands Wirtschaftsbosse zur Brandmauer“. Hier fiel das Bild etwas geteilter aus: Manche sind gegen die Brandmauer, andere Unternehmer aus Kostengründen dagegen. Aber der Teaser gab den Takt vor: Merz wolle nicht mit der AfD zusammenarbeiten. „Doch die Zweifel daran, ob ihm mit den Sozialdemokraten der große Reformwurf gelingt, wachsen mit jedem Tag der Regierungskrise. Auch bei Unternehmern, die an massiven Wettbewerbsnachteilen (Bürokratie, Energiepreise) leiden, oder die sogar um ihre Existenz kämpfen.“
Wer angesichts dieser Rahmung noch Zweifel hatte, bekam die Meinung gleich noch einmal mitgeliefert. Diesmal nicht von der Chefredakteurin, sondern von Vizechefin Linna Nickel. Sie lobte in ihrem Kommentar ausdrücklich einen Unternehmer, der findet, dass die Brandmauer das Land lähme. „Ich wünsche mir mehr mutige Unternehmer wie ihn, die endlich Position beziehen“, so die stellvertretende Chefredakteurin.
Diese vier Artikel sind nicht aus den vergangenen zwei Jahren zusammengesammelt, nicht mühsam aus dem BILD-Archiv herausgepickt. Sie erschienen allesamt binnen einer einzigen Woche Ende Mai. Zwar gibt es nicht jede Woche eine derart geballte Ladung zum Thema Brandmauer. Aber exemplarisch zeigt sich hier sehr gut, wie und mit welchen Mitteln vonseiten der BILD versucht wird, die Brandmauer einzureißen.
Auch bei Springers WELT schreibt man seit dem Gastbeitrag, in dem Elon Musk die AfD im Dezember 2024 als „letzten Funken Hoffnung“ bezeichnete, kräftig gegen die Brandmauer an. Die Redakteurin Fatina Keilani fantasiert etwa auf X, dass Deutschland „strukturell eine rechte Mehrheit“ aus CDU und AfD habe, die es zu nutzen gelte. Im Februar 2025 schreibt Magnus Klaue in der WELT, die Brandmauer drohe „die Konkurrenz der Parteien vollends zu ersticken“.
Ansonsten geht es bei dem „Premium-Produkt“ WELT vor allem um die Minderheitsregierung. Bei WELT TV etwa ist regelmäßig von dieser Möglichkeit die Rede. Am deutlichsten trug Ulf Poschardt, laut dem die Brandmauer „dem Machterhalt eines linken, rot-grünen Milieus“ dient, die Überlegung im November 2025 vor, als SPD-Chefin Bärbel Bas in der Kritik stand:
„Ich haue ja gerne mal auf Friedrich Merz kritisch drauf, aber mit so einem Koalitionspartner kannst du das Land eigentlich nur an die Wand fahren. Und vor dem Hintergrund ist dann natürlich auch noch mal anzugucken, wenn Alice Weidel ein paar vernünftige Sachen gesagt hat, die sie gerne machen würde, ob man nicht wirklich Richtung Minderheitsregierung irgendwann nachdenken muss.“
Darüber wird also ganz offen bei Springer nachgedacht. Ob das auch explizit Thema in einem Vier-Augen-Gespräch im Kanzleramt war, ist eigentlich zweitrangig. Man muss nur BILD lesen und WELT schauen.


