Die Stimmung könnte bei der AfD kaum besser sein. In Sachsen-Anhalt erzielte sie das bundesweit beste Wahlergebnis ihrer Geschichte, in Mecklenburg-Vorpommern kam das zweitbeste Ergebnis hinzu. Und auch bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin erzielte die AfD ein Rekordergebnis.
Entsprechend selbstbewusst präsentierte sich die Parteispitze nach den Wahlen. Alles laufe bestens, erklärte Alice Weidel: „Wir werden Kurs halten.“ Auch Tino Chrupalla sah keinerlei Korrekturbedarf. Kompromissfähiger müsse man gegenüber der Union nicht werden. Die anderen müssten sich vielmehr auf die AfD zubewegen. Doch hinter der demonstrativen guten Laune und Geschlossenheit hat die Aufarbeitung begonnen.
Enttäuschung über das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern
Die Wahlkämpfe, die Umfragewerte und besonders das Ergebnis in Sachsen-Anhalt haben die durchaus vorhandenen Risse in Partei und Vorfeld vorübergehend überdeckt. Selbst die Konflikte im nordrhein-westfälischen Landesverband, wo man sich inzwischen mit offenem Visier bekämpft, gerieten in den Hintergrund. Doch nun sind die Wahlen gelaufen, die nächsten stehen erst im Frühjahr 2027 an. Damit werden auch die Konfliktlinien wieder sichtbarer.
In Mecklenburg-Vorpommern wurde bereits in den Tagen vor der Landtagswahl darüber diskutiert, weshalb die AfD dort deutlich hinter Sachsen-Anhalt zurückblieb. Noch euphorisiert von dem selbst in AfD-Kreisen überraschend hohen Wahlergebnis von 43,8 Prozent blickten manche argwöhnisch nach Nordosten. Dort lag die Partei zwar stabil bei rund 35 Prozent. Für eine AfD, die die absolute Mehrheit zum Ziel erklärt hatte, war das aber nicht mehr genug. Zumal sie seit Monaten auf diesem Niveau verharrte und damit genau dort stand, wo sie bereits bei der Bundestagswahl 2025 gewesen war.
Benedikt Kaiser attackiert Leif-Erik Holm frontal
Bereits zwei Tage vor der Wahl griff Benedikt Kaiser den Ministerpräsidentenkandidaten Leif-Erik Holm auf X frontal an. Holm habe das Momentum der AfD gestoppt, wie Friedrich Merz es nie vermocht hätte. Kaiser gehört zu den einflussreichsten Publizisten im Vorfeld der Partei, ist kein Parteimitglied, arbeitet im Bundestag aber für Robert Teske, einen Vertrauten Björn Höckes. Über die Landtagswahlen hatte Kaiser zuvor auch eine Kolumne in der rechten österreichischen Monatszeitschrift Der Eckart geschrieben: Ulrich Siegmund habe „neue Trends gesetzt und die Messlatte künftiger Wahlkämpfe erheblich nach oben verschoben“.
Das Modell Siegmund kommt jemandem wie Kaiser entgegen, dessen ideologische Herkunft irgendwo zwischen Eurofaschismus, Strasserismus und nationalrevolutionärem Denken liegt. Kaiser gefallen an Siegmund der volksnahe, den Massen zugewandte Auftritt, sein Optimismus und das Versprechen einer Zukunftsvision. Aber das allein würde jemandem wie Kaiser nicht reichen. Das Image des dauergrinsenden Kumpels verbindet Siegmund mit einer weitgehend kompromisslosen rechten Agenda.
Das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt war das bislang radikalste eines Landesverbandes. Im unmittelbaren Umfeld Siegmunds finden sich mehrere Akteure, die auf eine Vergangenheit in der neonazistischen und inzwischen verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend zurückblicken.
Im radikalen Vorfeld kam besonders gut an, dass sich Siegmund trotz der Kritik an Personen aus seinem Umfeld mit neonazistischer Vergangenheit nicht distanzierte, sondern vorbehaltlos hinter seine Leute stellte. Auch seine Ankündigung, möglichst wenige Kompromisse einzugehen, wurde goutiert.
Kritik an Holms Bezug auf den Verfassungsschutz
Dem Modell Siegmund stellte Kaiser Holm als Auslaufmodell gegenüber. Der Ministerpräsidentenkandidat habe es nicht verstanden, auch nur annähernd eine ähnliche Dynamik und Euphorie zu erzeugen wie Siegmund. Holm habe schlecht performt, schrieb Kaiser. Wer den „authentischen Offensivmodus“ nicht kenne, „wird die 40-Prozent-Marke nicht überschreiten, sondern macht nur obligatorischen Dienst nach Vorschrift“.
Auch Kaisers Chef, der Thüringer Bundestagsabgeordnete Robert Teske, kritisierte Holm. In einem gemeinsamen Podcast monierte er, Holm habe im Wahlkampf zugunsten seines Landesverbandes angeführt, dass die AfD in Mecklenburg-Vorpommern nicht vom Verfassungsschutz beobachtet werde. Damit weiche er von der allgemeinen Linie der ostdeutschen AfD ab. Was der Verfassungsschutz einschätze oder wie er die Partei einstufe, habe die AfD nicht zu interessieren, so Teske. Eine offizielle Nichteinstufung als Auszeichnung zu verkaufen, hält er deshalb für falsch.
Auch im Landesverband selbst gibt es kritische Stimmen. Bereits am Wahlabend sagte Thore Stein, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion, gegenüber t-online.de, man könne mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein – wohlgemerkt mit 38,2 Prozent.
Das brisante interne Papier des Wahlkampfmanagers
Noch deutlicher wird ein brisantes internes Papier aus Mecklenburg-Vorpommern selbst.. Es stammt von Daniel Fiß, der den Wahlkampf der AfD leitete und für die Landtagsfraktion in Schwerin arbeitet. Auf 25 Seiten kritisiert Fiß ungewöhnlich scharf vor allem Leif-Erik Holm. Der Ministerpräsidentenkandidat habe sich aus den zentralen Planungsgremien zurückgezogen und mit eigenen Vertrauten eine Parallelkampagne aufgebaut. Holms Medienarbeit habe „vor allem spontan, planlos und strategielos“ gewirkt, heißt es in dem internen Papier, das Über Rechts vorliegt.
Es geht um mehr als das komplizierte Doppelmodell der AfD in Mecklenburg-Vorpommern: Auch die Konstruktion der Spitzenkandidatur hält Fiß für einen schweren Fehler. Eigentlich hatte der Landesvorstand den Co-Landesvorsitzenden Enrico Schult zum Spitzenkandidaten erklärt. Holm akzeptierte diese Entscheidung jedoch nicht. Am Ende stand ein kompliziertes Doppelmodell: Schult trat als Listenführer und Spitzenkandidat an; Holm als Ministerpräsidentenkandidat ohne Listenplatz. In nahezu jedem Interview musste Holm diese Konstruktion erklären und sich den Vorwurf gefallen lassen, es als Bundestagsabgeordneter mit Mecklenburg-Vorpommern gar nicht so ernst zu meinen. „Kommunikativ und organisatorisch war diese Entscheidung ein absolutes Desaster“, schreibt Fiß.
Das Papier, das auf Aufzeichnungen aus dem Wahlkampf beruht, arbeitet sich vor allem an organisatorischen Mängeln ab: an der visuellen Darstellung, unklaren Zuständigkeiten, überlasteten Mitarbeitern und einer fehlenden Abstimmung zwischen Kandidat und Kampagnenleitung. Zunächst geht es also eher um die Professionalisierung von Partei und Kommunikation als um die strategische Ausrichtung der AfD oder ihr Verhältnis zur Union.
Aber nicht nur. Fiß, der früher für die Jugendorganisation der NPD aktiv war und später zu den führenden Kadern der Identitären Bewegung gehörte, stellt sich auch gegen Holms Behauptung, die AfD sei im Grunde „die CDU vor 30 Jahren“. Eine Partei, die im Osten 35 oder 40 Prozent erreichen wolle, könne nicht auftreten, als sei sie lediglich „die nostalgische Imitation einer alten Volkspartei“.
Ein neuer Generationenkonflikt
Damit führt das interne Papier mitten in einen Konflikt, der die AfD prägt. Am Verhältnis zur CDU wird verhandelt, wie es die AfD mit dem Regieren hält. Dabei geht es weniger darum, ob sie überhaupt regieren möchte. Das würde in der Partei wohl niemand verneinen. Fraglich ist, wann es so weit sein soll und unter welchen Voraussetzungen. Die einen fühlen sich bereit, die anderen wollen lieber noch warten.
An dieser Stelle deutet sich eine bislang wenig beachtete Konfliktlinie an – zwischen der Gründergeneration der AfD und jüngeren, aufstrebenden Kadern, die innerhalb der bereits etablierten Partei politisch sozialisiert wurden.
Holm ist 56 Jahre alt. Ihm stehen Strategen und Funktionäre wie der 33-jährige Daniel Fiß, der 34-jährige Alexander Tschich oder der 35-jährige Ulrich Siegmund gegenüber. Diese jüngere Kadergeneration steht für eine professionellere Ansprache, einen moderateren und verbindlicheren Ton, zugleich aber für einen ideologisch härteren Kurs und die Ablehnung demonstrativer Distanzierungen nach rechts.
Die Jungen haben Zeit
Die jungen radikalen Professionalisierer haben häufig einen ähnlichen Habitus, bewegen sich in ähnlichen Netzwerken der Jungen Alternative, der Burschenschaften und des neurechten Vorfelds, teilen ähnliche Erfahrungen der Politisierung – und sie haben Geduld. Für die Gründergeneration ist der Zeithorizont ein anderer.
Für jemanden wie Holm, der die Partei mit aufgebaut hat, ist das Zeitfenster, selbst noch an einem Kabinettstisch Platz zu nehmen, begrenzt. Wer erst Mitte 30 ist, kann warten, dass die AfD weiter wächst oder die Brandmauer fällt.
So zeigen sich in den aktuellen Diskussionen in AfD und Vorfeld zwei Konfliktlinien, die sich überlagern: ein Strategiekonflikt und ein Generationenkonflikt. Solange die Union jede Zusammenarbeit ausschließt, bleibt die Auseinandersetzung innerhalb der AfD weitgehend kaltgestellt. Sollte die Brandmauer irgendwann fallen, geriete die Partei unmittelbar unter Entscheidungsdruck. Dann würden sich die Risse vermutlich vertiefen: Gibt man sich mit begrenzter Macht und Kompromissen zufrieden oder will man warten, bis man die Macht vielleicht irgendwann nicht mehr teilen muss. Die jüngeren Kader haben Zeit.



