Es ist eine Frage, mit der Ulrich Siegmund gerade immer wieder konfrontiert wird: Was sagt der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt dazu, dass wichtige Mitarbeiter der AfD in Sachsen-Anhalt Teil einer Neonazi-Organisation waren? Es geht um die Heimattreue Deutsche Jugend, kurz HDJ. Es ist ein Verband, den das Bundesinnenministerium 2009 wegen der „ideologischen Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche durch Verbreitung völkischer, rassistischer, nationalistischer und nationalsozialistischer Ansichten“ verbot, wie das BMI damals begründete. Zwar ist die HDJ seit nunmehr 17 Jahren verboten, wer sich das Selbstverständnis genauer ansieht, findet jedoch eine Organisation, deren Ziel es von vornherein war, ihre Weltanschauung weit über den eigenen Verband hinaus zu verbreiten – und Kader zu schulen, die dazu in der Lage sind.
HDJ-Kader in der AfD
Immer wieder fallen dieselben Namen. Alle vier arbeiten für die AfD in Sachsen-Anhalt: Laurens Nothdurft als Justiziar der Landtagsfraktion, Patrick Harr als Fraktionsgeschäftsführer und Pressesprecher von Fraktion und Partei, Felix W. und Eric Kaden als Referenten. Alle vier waren Medienberichten zufolge in der HDJ aktiv: Laurens Nothdurft etwa als zweiter Bundesführer der HDJ, Harr als Leiter der Abteilung Beschaffung.
Die mediale Auseinandersetzung kreist bislang vor allem um drei Fragen: Was wusste Ulrich Siegmund? Wie wichtig sind die Personen mit HDJ-Vergangenheit? Und wie verhalten sie sich heute dazu? Diese Fragen sind relevant. Doch ein wesentlicher Aspekt bleibt in der Auseinandersetzung unterbelichtet: Die HDJ war nicht irgendeine Organisation, bei der man eben einmal dabei war. Ein Blick auf ihr Selbstverständnis zeigt, dass sie ausdrücklich Kader für die Zukunft heranbilden wollte. Und die Verbindung, die sie zwischen diesen Kadern schaffen wollte, sollte ausdrücklich ein Leben lang halten.
Das Vorbild: die Hitlerjugend
Die Geschichte der HDJ reicht bis Anfang der 1990er Jahre zurück. Damals ging sie aus einer Spaltung des Bundes Heimattreuer Jugend (BHJ) hervor, wie Gideon Botsch gegenüber Über Rechts erklärt. Botsch ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Potsdam und Leiter der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam. Nach der Spaltung bestand ein im Vergleich gemäßigterer Flügel unter dem Namen Der Freibund fort. Er orientierte sich stärker an der klassischen Tradition der Bündischen Jugend aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus. Der radikalere Teil organisierte sich ab 1990 als Die Heimattreue Jugend (DHJ), seit 2001 als Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ).
Die Spaltung zeigte sich sogar in der Ästhetik – etwa an der Farbe der Zelte. Der später als Freibund firmierende Flügel knüpfte mit seinen Schwarzzelten an die Jugendbewegung an; die HDJ verwendete dagegen eher weiße Zelte – und damit jene Zeltfarbe, die auch die Hitlerjugend nutzte. „Die äußere Form der Lager wollte bewusst an die HJ erinnern, die weißen Zeltreihen trugen dazu bei“, so Botsch.
Um die Jahrtausendwende entwickelte sich die HDJ zu einer zentralen Organisation für die Kaderbildung des äußersten rechten Randes. Sie übernahm damit eine Funktion, die zuvor die 1994 verbotene Wiking-Jugend erfüllt hatte. „Als Sozialisationsinstanz für den inneren Kern des völkisch-antisemitischen, NS-orientierten rechtsextremen Milieus in Deutschland war es ihr zentrales Ziel, Kinder und Jugendliche zum Dienst an Volk und Volksgemeinschaft zu erziehen“, sagt Botsch.
In den Jahren 2007 und 2008 rückte die HDJ ins Zentrum der Öffentlichkeit. Recherchen der Journalistin Andrea Röpke machten deutlich, worum es sich bei der Organisation handelte: „Heimliche Treffen mit Hitlergrüßen. 6-10-Jährige üben das Strammstehen, werden auf Gehorsam und Führerprinzip getrimmt“, hieß es 2007 in einem Panorama-Beitrag. Gezeigt wurde Manfred Börm, ein früherer Funktionär der später verbotenen Wiking-Jugend. Ende der 1970er Jahre beteiligte er sich an einem Überfall auf ein Biwak niederländischer NATO-Soldaten; 1979 wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Später schulte er bei der HDJ den Nachwuchs.
Warum die HDJ 2009 verboten wurde
Im März 2009 verbot dann das Bundesinnenministerium die HDJ. Die Begründung der Verfügung hat es in sich. Die Journalistin Andrea Röpke, die sich seit vielen Jahren intensiv mit dem neonazistischen Milieu beschäftigt, schrieb damals auf Grundlage der Verbotsverfügung:
„Ausdrücklich wird in der Verfügung auf die Glorifizierung von Adolf Hitler, die Würdigung der Waffen-SS ‚als Verpflichtung‘, auf Tests zur Rassenkunde, sowie die Verwendung von antisemitischen NS-Kinderbüchern […] eingegangen. Die HDJ wolle ‚nationalpolitische Kadergruppen‘ aufbauen, die ‚nach dem Führerprinzip geleitet werden‘. […] Es habe Führerhandbücher und Führerbriefe gegeben, Veranstaltungsräume seien mit der Büste von Adolf Hitler und der Hakenkreuzfahne geschmückt worden.“
Die neonazistische Ideologie sollte dabei mit aller Vehemenz verbreitet werden. Jugendliche seien etwa aufgefordert worden, „in Schule, Ausbildung, Studium und Beruf mit Ehrgeiz und Ausdauer entscheidende Positionen zu besetzen“. Das ist ein wichtiger Aspekt, der heute oft übersehen wird: Die HDJ war nicht einfach nur eine Neonazi-Organisation unter vielen. Sie wollte kein Naturschutzpark für Neonazis schaffen, sondern Kader heranbilden, die nach ihrer politischen und weltanschaulichen Formung hinaus in die Gesellschaft gehen und dort Wirkung entfalten sollten.
Wie das Bundesverwaltungsgericht das HDJ-Verbot bestätigte
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte später das Verbot, nachdem die HDJ dagegen geklagt hatte. Das Gericht stellte unmissverständlich fest, dass es sich bei der HDJ um einen verfassungswidrigen Verein handelt, „weil er nach seiner Programmatik, seiner Vorstellungswelt und seinem Gesamtstil eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus, insbesondere mit der früheren Hitlerjugend als einer Teilorganisation der ehemaligen NSDAP aufweist“.
Nach Auffassung der Richter propagierte die HDJ eine Vorbildfunktion des Nationalsozialismus und offenbarte dabei eine „der Wiedererrichtung der nationalsozialistischen Herrschaft verhaftete Vorstellungswelt“. So wurde der 30. Januar 1933 in der Vereinszeitschrift als „Ausgangspunkt einer der größten Wendungen, die die Geschichte des deutschen Volkes kennt“ beschrieben.
Kaderbildung statt Freizeitprogramm
Die HDJ war also keine Jugendorganisation mit einem lediglich problematischen extrem rechten Flügel. Die nationalsozialistische Orientierung bildete vielmehr ihren Kern. Ihr wichtigstes politisches Instrument war die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Sie sollten nicht bloß von bestimmten politischen Positionen überzeugt werden. Ausgestattet mit einem entsprechenden Geschichtsbild, Vorstellungen von Volk und „Volksgemeinschaft“, Hierarchie und politischer Pflichterfüllung sollten sie zu Kadern geformt werden.
Darauf verweist Andrea Röpke gegenüber Über Rechts. Die Journalistin beobachtet die extreme Rechte und insbesondere das völkische Milieu seit Jahrzehnten. „Die Völkischen bilden den elitären Kern des Rechtsextremismus in Deutschland. Eine Organisation wie die HDJ war insbesondere für den Neonazismus eine entscheidende Kaderschmiede.“ Im Vergleich mit anderen extrem rechten Organisationen, die Kinder und Jugendliche ausbildeten, sei die HDJ aber besonders aggressiv vorgegangen, so Röpke. Die Journalistin hat das mehrfach am eigenen Leib erfahren: Als sie Mitte der 2000er Jahre intensiv zur HDJ recherchierte, geriet sie ins Visier der Organisation. 2006 griff der damalige HDJ-Bundesführer Sebastian Räbiger Röpke und ihren Fotokollegen bei einer Recherche an; Röpke wurde ins Gesicht geschlagen, Räbiger später wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.
Die gemeinsamen Lager, Fahrten und Heimabende waren also mehr als bloßes Freizeitprogramm für Kinder neonazistisch gesinnter Eltern. Die HDJ war Teil einer umfassenden politischen Sozialisation: Wer dort geschult wurde, sollte gerade nicht dauerhaft in einem abgeschotteten neonazistischen Milieu verbleiben. Die neonazistische Elite sollte über die eigene Organisation hinaus in die Gesellschaft hineinwirken.
Kampf für einen „Volksstaat“
Wer in solchen Strukturen organisiert war, verschrieb sich ihnen zumindest ihrem eigenen Anspruch nach nicht nur für die Dauer der eigenen Mitgliedschaft oder der Teilnahme an Lagern. Es ging um einen generationsübergreifenden Kampf für einen anderen Staat.
In einem 2008 ausgestrahlten Panorama-Beitrag sind bemerkenswerte Auszüge einer Rede bei einer von der HDJ mitorganisierten Veranstaltung dokumentiert. Unmissverständlich sagt der Redner dem Staat den Kampf an: Es gehe darum, dem Volk zu zeigen, dass dieses System keine Fehler hat, sondern das System selbst der Fehler sei. Und weiter: „Wir sind angetreten, um dieses System abzuschaffen und durch einen freien deutschen Volksstaat zu ersetzen.“
Diese Rede kam offenbar gut an bei der HDJ: Die Vereinszeitung der HDJ, der Funkenflug, berichtete sehr wohlwollend. Dort heißt es, der Redner habe „die Gäste mit seinen Worten in den Bann“ gezogen. Am Ende sei niemand im Saal gewesen, „der nicht eingeschworen war auf die gewaltigen Aufgaben, die vor uns liegen“.
Zur Bewältigung dieser gewaltigen Aufgaben braucht es eine Gemeinschaft. Hier knüpfte die HDJ Botsch zufolge an das Bild an, das Heinrich Himmler von der SS entworfen hatte: „als ein nationalsozialistischer, soldatischer Orden nordisch bestimmter Männer und als eine geschworene Gemeinschaft ihrer Sippen“, wie es Himmler formulierte.
Was aus den einstigen HDJ-Mitgliedern nach dem Verbot ihrer Organisation wurde, lässt sich nicht vollständig erfassen. Botsch hält viele Varianten für denkbar: von einer radikalen Abkehr über den Rückzug ins Private bis zur Fortsetzung des politischen Engagements in anderen Zusammenhängen. Es gebe aber auch Hinweise darauf, dass frühere HDJ-Aktivisten ihre Arbeit in neu gegründeten Gruppen oder in anderen völkischen Strukturen fortsetzten, darunter auch in der inzwischen ebenfalls verbotenen Artgemeinschaft.
Frühes Interesse an der AfD
Aber auch die AfD scheint früh das Interesse ehemaliger HDJ-Kader geweckt zu haben. Dass die HDJ seit Einführung der Unvereinbarkeitsliste im Jahr 2015 darauf geführt wird, hinderte mehrere einstige Kader nicht daran, für die Partei zu arbeiten oder AfD-Mitglied zu werden: Felix W. arbeitete ab 2015 zunächst für die AfD-Landtagsfraktion Brandenburg und wechselte später nach Sachsen-Anhalt. Patrick Harr kam 2017 zur AfD in Sachsen-Anhalt. Im selben Jahr begann Nothdurft seine Tätigkeit für die AfD-Fraktion in Baden-Württemberg, bevor er nach Magdeburg wechselte. Eric Kaden kam 2022 als Mitarbeiter zur Fraktion in Sachsen-Anhalt. Heute arbeiten alle vier für die AfD in Sachsen-Anhalt. Die Liste betrifft allerdings in erster Linie die Parteimitgliedschaft und nicht unmittelbar Beschäftigungsverhältnisse bei Partei und Fraktion.
Botsch geht davon aus, dass ehemalige HDJ-Aktivisten die AfD gezielt als politisches Projekt wählten, um neue Möglichkeiten der Einflussnahme auszuloten und zu entwickeln. „Dieses Personenpotenzial ist erfahren, ideologisch gefestigt, gut vernetzt und war so in der Lage, zu einem wichtigen Faktor der Radikalisierung der AfD zu werden.“
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass bei jedem früheren HDJ-Mitglied eine bruchlose Linie von der Jugendorganisation bis zur heutigen AfD unterstellt werden kann. Menschen verändern sich, mit dem Alter verschieben sich lebensweltliche Prioritäten, politische Überzeugungen können sich abschwächen oder grundsätzlich wandeln. „Aber“, so Botsch, „wir müssen davon ausgehen, dass die frühe nationalsozialistische und völkische Prägung in diesem Verband weiterwirkt“.
Was die Akteure selbst dazu sagen, ist nicht leicht herauszubekommen. Laurens Nothdurft ließ bereits im Juni gegenüber der taz über seinen Anwalt mitteilen, dass er sich von nationalsozialistischem Gedankengut distanziere. Auf die Frage, ob sich seine Einstellung seit seiner Zeit in der HDJ verändert habe, habe Nothdurft laut Medienberichten geantwortet, er habe sich nichts vorzuwerfen. Auch AfD-Pressesprecher Patrick Harr sagte gegenüber WELT, er sei mit Blick auf seine Vergangenheit bei der HDJ mit sich im Reinen. Eine Anfrage von Über Rechts ließ die AfD Sachsen-Anhalt unbeantwortet.
Die HDJ bereitete Jugendliche darauf vor, als künftige Elite für den Erhalt der „Volksgemeinschaft“ zu kämpfen und gesellschaftlich wirksam zu werden. In Sachsen-Anhalt sind die personellen Kontinuitäten heute besonders auffällig: Vier ehemalige HDJ-Funktionäre arbeiten in wichtigen Positionen für die AfD. Das beweist keine bruchlose ideologische Kontinuität. Diese personelle Kontinuität entspricht jedoch auffällig dem damaligen Kaderanspruch der verbotenen Neonazi-Organisation. Ausgerechnet in diesem Umfeld inszeniert sich Ulrich Siegmund als moderner und bis in die gesellschaftliche Mitte anschlussfähiger Kandidat.


