„Die AfD ist die Rache des Ostens“, sagte der Theaterregisseur Frank Castorf in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Gemeint war, dass sich die zunehmende Popularität der AfD auch als Reaktion auf Nachwende-Erfahrungen verstehen lässt, als Ergebnis jahrzehntelanger kultureller Herabsetzung, westdeutscher Bevormundung und Überheblichkeit. Blickt man auf die seit Wochen, teilweise seit Monaten andauernde Debatte über Sachsen-Anhalt, könnte man den Eindruck bekommen, dass sich Castorfs These gerade bestätigt.
Zunächst einmal lässt sich konstatieren: Die Umfragen, die die AfD seit Monaten stabil um oder über 40 Prozent sehen, zwingen die Republik, nach Sachsen-Anhalt zu schauen. Orte, von denen viele Menschen in Westdeutschland vorher vermutlich noch nie etwas gehört haben, tauchen nun in Fernsehbeiträgen und langen Printreportagen auf: Tangermünde, Klötze, Haldensleben.
Sachsen-Anhalt stand jahrzehntelang eher am Rand der Aufmerksamkeit. Medial sichtbar wurde das Bundesland – wie der Osten insgesamt – vor allem dann, wenn es um Probleme ging, wie eine Erhebung von Martin Kopplin und Olaf Jacobs zeigt. Im bundesdeutschen Alltagsbewusstsein tauchte Sachsen-Anhalt ansonsten allenfalls gelegentlich auf, etwa wenn über das auf Autobahnschildern propagierte Landesmotto geschmunzelt wurde, Sachsen-Anhalt sei das Land der Frühaufsteher. Nun steht das Bundesland plötzlich im Zentrum.
Sachsen-Anhalt als erster Dominostein
Die Stärke der AfD produziert Aufmerksamkeit, mitunter sogar Stolz, vor allem bei jenen, die sich von Siegmund mitreißen lassen. Dass Sachsen-Anhalt dieses Mal ganz vorne sei, gehört zur Siegeserzählung der AfD: als erster Dominostein, der fällt, damit sich endlich im ganzen Land etwas ändert. „Am Sonntag schaut die ganze Welt nach Magdeburg“, sagte etwa der AfD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Münzenmaier bei einer Wahlkampfveranstaltung in Magdeburg.
Ulrich Siegmund, der dauergrinsende Gute-Laune-Populist, gibt jenen, die sich lange auf der Verliererstraße sahen, das Gefühl, wenigstens dieses eine Mal zu den Gewinnern gehören zu können. Gewinner, weil ihre Partei am Ende auf Platz eins stehen könnte und sie damit wohl oder übel in die Geschichte eingehen würden. Neben dem zentralen Wahlslogan „Alles ist möglich“ dürfte es in den vergangenen Wochen kaum eine Rede gegeben haben, in der Siegmund nicht auch davon sprach, dass es um ganz Deutschland gehe und darum, Geschichte zu schreiben.
So gesehen kann die Wahl der AfD als Aufstand derjenigen erscheinen, die sich lange vernachlässigt sahen. Doch was gewinnen Sachsen-Anhalt und der Osten durch die Aufmerksamkeit, die diese Rache erzeugt? Allgemeiner gefragt: Um welche Form der Aufmerksamkeit handelt es sich eigentlich?
Sachsen-Anhalt als AfD-Land
In den Medienbeiträgen, die in diesen Tagen aus Sachsen-Anhalt zu lesen sind, gibt es viel Aufschlussreiches. Etwa einen Text von Jakob Springfeld im Freitag über jene, die der rechten Dominanz vor Ort etwas entgegensetzen. Einen ähnlichen Blick hatte bereits im Juli die taz gewählt, als sie unter der Überschrift „Die lebendigste Zivilgesellschaft der Republik“ Initiativen und Kulturorte vorstellte. Und bei Jacobin hat Thomas Zimmermann mit Blick auf Sachsen-Anhalt jüngst lesenswert über linke Schlussfolgerungen aus der Stärke der AfD geschrieben.
Empfehlenswert ist bei der Gelegenheit auch die aktuelle Printausgabe von Jacobin, die den Schwerpunkt Antifaschismus hat. Nils und ich haben ebenfalls einen Beitrag beigesteuert.
Trotz dieser Gegenbeispiele überwiegen die Beiträge, die sich um die AfD drehen, um ihren charismatischen Spitzenkandidaten, um düstere Hintermänner, rechte Kontinuitäten, Aggression und Rassismus. Dass solche Beiträge überwiegen, ist nachvollziehbar und auch wir haben uns in den vergangenen Monaten genau mit diesen Themen befasst. Trotzdem zeigt sich in dieser Schwerpunktsetzung: Die gesellschaftlichen Widersprüche in Sachsen-Anhalt erscheinen nicht aus sich heraus als relevant, sondern vor allem jetzt, da dort rund 40 Prozent die AfD wählen wollen.
Die von Castorf beschriebene Rache des Ostens erzwingt damit vor allem eine Aufmerksamkeit für Sachsen-Anhalt als AfD-Land. Darin wiederholt sich eine Perspektive auf Ostdeutschland, die seit Jahrzehnten dominant ist. Ostdeutschland wird besonders dann sichtbar, wenn es als Problem erscheint: bei Wahlen, wenn sich irgendwo Menschen zusammenrotten, um gegen eine Flüchtlingsunterkunft zu demonstrieren, oder wenn erklärt werden soll, was es mit Menschen macht, in einer schrumpfenden Region zu leben. Die starke mediale Verknüpfung von Ostdeutschland und AfD passt in dieses Muster.
Die Externalisierung des Problems AfD
Wie der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann in seinem viel beachteten Buch Der Osten. Eine westdeutsche Erfindung argumentiert, hat diese Perspektive auch eine entlastende Funktion. Der Osten werde aus westdeutscher Perspektive als Abweichung wahrgenommen, gesamtdeutsche Probleme würden regionalisiert. Unter Rückgriff auf den Soziologen Stephan Lessenich beschreibt Oschmann einen Mechanismus der Externalisierung: Gerade beim Rechtsradikalismus werde ein gesamtgesellschaftliches Problem auf den Osten ausgelagert.
Dieser Auslagerungsmechanismus lässt sich auch in der gegenwärtigen Aufmerksamkeit für Sachsen-Anhalt erkennen. Der Hype um die Landtagswahl trägt dazu bei, die AfD vor allem als ostdeutsches Problem erscheinen zu lassen.
Ganz falsch ist das natürlich nicht. Es gibt ein ostdeutsches Spezifikum bei der AfD. Immerhin ist die Partei in keinem westdeutschen Bundesland auch nur annähernd auf dem Weg zu solchen Ergebnissen. Und doch liegt die AfD inzwischen auch im Westen im Schnitt bei rund 20 Prozent. Das „Problem AfD“ ist also längst kein ostdeutsches Problem mehr.
Was passiert nach Schließung der Wahllokale?
Die Rache des Ostens gelingt damit nur auf den ersten Blick: Der Osten zwingt die politische und mediale Öffentlichkeit hinzuschauen. Die Rache verändert aber nicht die Diskursordnung: Sachsen-Anhalt bekommt nun zwar so viel Aufmerksamkeit wie selten zuvor, erscheint aber weiterhin vor allem als Schauplatz eines rechtsradikalen Durchbruchs. Die Stärke der AfD mag die bundesdeutsche Öffentlichkeit gezwungen haben, auf Sachsen-Anhalt zu schauen. Gleichzeitig besetzt die Partei das Bild, das man sich von diesem Land macht.
Wenn die Wahllokale geschlossen sind und eine neue Regierung gebildet ist, dürfte sich der Scheinwerfer wieder wegbewegen, zumindest legen das die bisherigen Muster der Ost-Berichterstattung nahe. Erst recht, wenn es am Ende keine AfD-Regierung geben sollte. Sachsen-Anhalt würde dann schnell wieder von der Mitte an den Rand der Aufmerksamkeit rücken. Zumindest bis zur nächsten Wahl.


