Jetzt anhören | Angesichts der Stärke der AfD ist immer häufiger von Faschismus die Rede. Doch ist das ein geeigneter Begriff, um die Gegenwart zu begreifen?
Ich denke, ein besonders großer Fallstrick des „Faschisierungs“-Begriffs liegt im meist implizit mitgedachten Haupt- und Nebenwiderspruch. Der Begriff suggeriert, so zumindest meine Erfahrung aus vielen Debatten, dass der Prozess der „Faschisierung“ vor allem von rechtsradikalen Bewegungen getragen wird. Dabei verblasst die Rolle von Gemeinwesen, gesellschaftlicher Organisierung und der Struktur des Produktionsprozesses als mögliche Triebkräfte einer neuen Herrschaftsform.
In den meisten Fällen wird die AfD als Hauptwiderspruch verhandelt. Zugespitzt: AfD = Hauptwiderspruch, Kapitalismus + Demokratie = Nebenwiderspruch. Sie erscheint dann als Fehlfunktion oder Abweichung einer ansonsten reibungslos funktionierenden liberalen Demokratie. Das ermöglicht es, den Fehler zu externalisieren. Die Gefahr liege außerhalb der Demokratie und ihrer kapitalistischen Verfasstheit in einzelnen „bösen“ Auswüchsen „vaterlandsloser Gesellen“. (Mein Punkt hingegen; das eine existiert nicht ohne das andere).
Ich denke hingegen, dass der Begriff des autoritären Kapitalismus den Blick stärker auf die gesellschaftlichen Grundlagen lenken könnte, darauf, worauf diese Gesellschaft fußt und unter welchen Bedingungen Phänomene wie die AfD und reaktionäre Einstellungspotenziale überhaupt erst wachsen können. Ebenso eröffnet er die Möglichkeit, systemische Gemeinsamkeiten zwischen vermeintlich „guten“ und „schlechten“ Patriot:innen zu diskutieren.
Zumindest könnte so, vielleicht noch etwas entfernt, der reflexartige demokratische Campismus, also die Notwendigkeit, stets eine Seite gegen die andere zu verteidigen, innerhalb der gesellschaftlichen Linken eine notwendige Schlagseite bekommen und Raum dafür schaffen, einen Antifaschismus zu diskutieren, der über eine rein reaktive Praxis hinausgeht.
Mein Rat: Raus aus dem akademischen Elfenbeinturm! Es geht um nichts weniger, als die Frage, wodurch Faschismus Menschen verführbar macht und wie man das verhindert. Und dazu muss man keine Definitionsdebatten führen, denn wenn es aussieht wie Faschismus, riecht wie Faschismus und schmeckt wie Faschismus, dann reicht es allemal dafür, es auch genauso klar als Faschismus zu bezeichnen. Deshalb: Robert Paxton lesen und die richtigen Schlüsse aus seinen Erkenntnissen ziehen, um von der Analyse ins Handeln zu kommen.
Grundsätzlich würde ich eurem Wunsch nach Differenzierbarkeit stattgeben. (Oder wirtschaftlicher: Kategorien und Begriffe sind fürs Denken nur so gut wie ihr Ertrag (hier an Erkenntnissen).) Allerdings war der geweitete Faschismusbegriff für mein Denken im letzten Monat nicht unproduktiv.
Ich spiele gerade damit, rechtes Denken als Spektrum (bei manchen auch als Kaskade) von Bewahrung -> Ordnung -> Differenz zu Heterogenem -> Hierarchie -> Ausschluss -> Sachzwang -> Grausamkeit (als Selbstzweck oder um Stärke/Willen zur Macht zu beweisen) zu klassifizieren, und das große F-Wort würde für mich irgendwo zwischen Sachzwang und Grausamkeit greifen.
Eine Freundin hat es letztens als ungleich verteilte faschistoide Momente beschrieben.(Die dann vor allem Betroffene spüren, aber für andere Nebenherlebende unsichtbar sein können.)
Ansonsten fand ich auch Eva von Redeckers "Liquidierung von Phantombesitz" recht fruchtbar.
Tolle Folge mal wieder! Immer eine bereichernde Einsicht. Ich habe heute im Podcast "Heimspiel" ein Gespräch von Herrn Heim mit Angelique Geray gehört. Sie hat undercover in der Naziszene und allem drum und dran verbracht. Sehr interssant auch. Bei einer Stelle hat sie über die Musik als Einfluss und Einstieg in die Szene gesprochen. Dass es mittlerweile viel Rap, Schlager usw gibt. Und auch zwei Namen genannt. Aus Interesse habe ich nach einer der Bands gesucht (Ich glaube die heißen Kavalier). Rechtsrap. Zu meinen Erstaunen war der "Künstler" ganz frei und einfach bei Spotify zu finden und ich habe mir ein paar Titel angehört. Ich war regelrecht schockiert, dass solche eindeutigen Texte (Hass, Gewalt, Verherrlichung der Vergangenheit und NS Zeit, Opferrolle des deutschen Volkes usw.) einfach so frei hörbar sind. Wie jeder andere Rap...
Habt ihr dazu Einblicke oder schon euch damit mal beschäftigt bzw. von Interesse für euer Thema? Finde das sehr interessant und wenig beachtet als Thema...
Lange Rede, kurzer Sinn. Kann das Gespräch mit Frau Geray sehr empfehlen.
Vielen Dank, ich höre interessiert zu. Eine Anmerkung, gerade weil ihr einen differenzierenden Blick darauf richten wollt: fehlt dem Begriff autoritärer Kapitalismus nicht gerade das völkische Bestreben nach Homogenität, das in rechten Kreisen immer stärker auftritt? Mein Fazit Eures Podcasts wäre: alle drei Begriffe haben ihre Berechtigung: Faschismus, Faschisierung und autoritärer Kapitalismus. Eine Gegenfrage habe ich: war und ist der Kapitalismus nicht schon immer autoritär, wenn man sich die hierarchischen Konzernstrukturen anschaut? Und die kapitalistische Hierarchien könnten ja theoretisch auch auf Kompetenz beruhen?
Ich denke, ein besonders großer Fallstrick des „Faschisierungs“-Begriffs liegt im meist implizit mitgedachten Haupt- und Nebenwiderspruch. Der Begriff suggeriert, so zumindest meine Erfahrung aus vielen Debatten, dass der Prozess der „Faschisierung“ vor allem von rechtsradikalen Bewegungen getragen wird. Dabei verblasst die Rolle von Gemeinwesen, gesellschaftlicher Organisierung und der Struktur des Produktionsprozesses als mögliche Triebkräfte einer neuen Herrschaftsform.
In den meisten Fällen wird die AfD als Hauptwiderspruch verhandelt. Zugespitzt: AfD = Hauptwiderspruch, Kapitalismus + Demokratie = Nebenwiderspruch. Sie erscheint dann als Fehlfunktion oder Abweichung einer ansonsten reibungslos funktionierenden liberalen Demokratie. Das ermöglicht es, den Fehler zu externalisieren. Die Gefahr liege außerhalb der Demokratie und ihrer kapitalistischen Verfasstheit in einzelnen „bösen“ Auswüchsen „vaterlandsloser Gesellen“. (Mein Punkt hingegen; das eine existiert nicht ohne das andere).
Ich denke hingegen, dass der Begriff des autoritären Kapitalismus den Blick stärker auf die gesellschaftlichen Grundlagen lenken könnte, darauf, worauf diese Gesellschaft fußt und unter welchen Bedingungen Phänomene wie die AfD und reaktionäre Einstellungspotenziale überhaupt erst wachsen können. Ebenso eröffnet er die Möglichkeit, systemische Gemeinsamkeiten zwischen vermeintlich „guten“ und „schlechten“ Patriot:innen zu diskutieren.
Zumindest könnte so, vielleicht noch etwas entfernt, der reflexartige demokratische Campismus, also die Notwendigkeit, stets eine Seite gegen die andere zu verteidigen, innerhalb der gesellschaftlichen Linken eine notwendige Schlagseite bekommen und Raum dafür schaffen, einen Antifaschismus zu diskutieren, der über eine rein reaktive Praxis hinausgeht.
Mein Rat: Raus aus dem akademischen Elfenbeinturm! Es geht um nichts weniger, als die Frage, wodurch Faschismus Menschen verführbar macht und wie man das verhindert. Und dazu muss man keine Definitionsdebatten führen, denn wenn es aussieht wie Faschismus, riecht wie Faschismus und schmeckt wie Faschismus, dann reicht es allemal dafür, es auch genauso klar als Faschismus zu bezeichnen. Deshalb: Robert Paxton lesen und die richtigen Schlüsse aus seinen Erkenntnissen ziehen, um von der Analyse ins Handeln zu kommen.
ein super podcast, ein absolutes muss, nur die musik ist komisch🥹
Grundsätzlich würde ich eurem Wunsch nach Differenzierbarkeit stattgeben. (Oder wirtschaftlicher: Kategorien und Begriffe sind fürs Denken nur so gut wie ihr Ertrag (hier an Erkenntnissen).) Allerdings war der geweitete Faschismusbegriff für mein Denken im letzten Monat nicht unproduktiv.
Ich spiele gerade damit, rechtes Denken als Spektrum (bei manchen auch als Kaskade) von Bewahrung -> Ordnung -> Differenz zu Heterogenem -> Hierarchie -> Ausschluss -> Sachzwang -> Grausamkeit (als Selbstzweck oder um Stärke/Willen zur Macht zu beweisen) zu klassifizieren, und das große F-Wort würde für mich irgendwo zwischen Sachzwang und Grausamkeit greifen.
Eine Freundin hat es letztens als ungleich verteilte faschistoide Momente beschrieben.(Die dann vor allem Betroffene spüren, aber für andere Nebenherlebende unsichtbar sein können.)
Ansonsten fand ich auch Eva von Redeckers "Liquidierung von Phantombesitz" recht fruchtbar.
Tolle Folge mal wieder! Immer eine bereichernde Einsicht. Ich habe heute im Podcast "Heimspiel" ein Gespräch von Herrn Heim mit Angelique Geray gehört. Sie hat undercover in der Naziszene und allem drum und dran verbracht. Sehr interssant auch. Bei einer Stelle hat sie über die Musik als Einfluss und Einstieg in die Szene gesprochen. Dass es mittlerweile viel Rap, Schlager usw gibt. Und auch zwei Namen genannt. Aus Interesse habe ich nach einer der Bands gesucht (Ich glaube die heißen Kavalier). Rechtsrap. Zu meinen Erstaunen war der "Künstler" ganz frei und einfach bei Spotify zu finden und ich habe mir ein paar Titel angehört. Ich war regelrecht schockiert, dass solche eindeutigen Texte (Hass, Gewalt, Verherrlichung der Vergangenheit und NS Zeit, Opferrolle des deutschen Volkes usw.) einfach so frei hörbar sind. Wie jeder andere Rap...
Habt ihr dazu Einblicke oder schon euch damit mal beschäftigt bzw. von Interesse für euer Thema? Finde das sehr interessant und wenig beachtet als Thema...
Lange Rede, kurzer Sinn. Kann das Gespräch mit Frau Geray sehr empfehlen.
Glg
Vielen Dank, ich höre interessiert zu. Eine Anmerkung, gerade weil ihr einen differenzierenden Blick darauf richten wollt: fehlt dem Begriff autoritärer Kapitalismus nicht gerade das völkische Bestreben nach Homogenität, das in rechten Kreisen immer stärker auftritt? Mein Fazit Eures Podcasts wäre: alle drei Begriffe haben ihre Berechtigung: Faschismus, Faschisierung und autoritärer Kapitalismus. Eine Gegenfrage habe ich: war und ist der Kapitalismus nicht schon immer autoritär, wenn man sich die hierarchischen Konzernstrukturen anschaut? Und die kapitalistische Hierarchien könnten ja theoretisch auch auf Kompetenz beruhen?
“Faschismus sollte eigentlich Korporativismus heissen, denn er ist die Verbindung von Staatsmacht mit Konzernmacht”, so Faschismus-Erfinder Mussolini.
Bill Gates' GAVI Alliance ist eine solche Verbindung, zum Beispiel.