Vier Stunden Höcke: Es braucht neue Medien
Björn Höcke redet bei einem YouTuber vier Stunden lang ohne kritische Fragen. Die Empörung darüber ist verständlich. Aber das Phänomen zeigt auch die Grenzen etablierter Medien.
„Mein Ziel ist halt hier, klüger rauszugehen, als ich reingegangen bin.“ Mit diesem Satz begrüßt Ben Berndt seinen Gast Björn Höcke zu einem vierstündigen Gespräch, das innerhalb weniger Tage 3,5 Millionen Mal auf YouTube abgerufen wurde. Hinzu kommen Podcast-Abrufe in vermutlich ähnlicher Höhe.
Dass es in diesen vier Stunden nicht eine einzige kritische Nachfrage gibt, gehört zum Formatversprechen. Berndt versteht sich nicht als Journalist, wie er gleich zu Beginn erklärt. Sein Gast solle klüger rausgehen, er selbst auch, niemand solle hinterher denken, einer von beiden sei besonders klug oder besonders dumm. Höcke nutzt das natürlich aus. Er erzählt ellenlang, wie er als letzter integrer Politiker den korrupten Politikbetrieb aufmische, dass wir längst in einer Demokratiesimulation lebten, dass Migration nur tröpfchenweise, aber nicht als Sturmflut funktioniere. Dazwischen liefert er viel Biographisches: Er erzählt von sich als idealem Lehrer, von der anstrengenden Schulmanagement-Weiterbildung, die er als junger Vater absolviert hat, von der Stimmung in der Familie seit seinem Eintritt in die Politik.
Das meiste ist nicht überraschend, vieles nicht einmal interessant. Manches ist geschönt („Als Kind hatte ich schon das Gefühl, in mir etwas Größerem dienen zu wollen“), anderes ist blanke Demagogie („Die Migration ist ein Mordkomplott gegen das deutsche Volk“), anderes schlicht gelogen („Ich habe niemals eine Intrige eingefädelt“). Höcke ist dabei weder besonders unterhaltend, noch glänzt er intellektuell, in diesem Gespräch wirkt er nicht einmal besonders radikal. Dass ihm trotzdem mehrere Millionen Menschen stundenlang zuhören, muss für Fragezeichen sorgen.
Höcke als zentrale, aber unsichtbare Figur der politischen Auseinandersetzung
Den eigentlichen Erfolgsgrund liefert dabei aber der Moderator selbst, ganz nebenbei. Er erzählt, er habe diverse Spitzenpolitiker aus allen politischen Lagern am Tisch gehabt, und was alle diese Lager eint, sei folgendes: Wenn es um die AfD gehe, heiße es immer, die seien nicht wählbar, rechtsradikal, sollten verboten werden. Wenn er dann nachhake, warum, komme stets dieselbe Antwort: „Ja, die haben doch diesen Höcke und der ist der allerschlimmste.“
In diesem Satz steckt das ganze Problem. Höcke ist innerhalb der AfD machtpolitisch längst nicht mehr so dominant wie noch vor einigen Jahren. Aber er bleibt für einen großen Teil des bürgerlichen Lagers die zentrale Begründung für die Brandmauer, also jene Absprache, mit der die etablierten Parteien eine Koalition mit der AfD kategorisch ausschließen. Die Legitimation einer der zentralen politischen Strategien hängt also seit Jahren auch – wenn auch nicht allein – an dieser einen Person. Und so wurde Höcke zwar zur entscheidenden Figur einer ganzen politischen Auseinandersetzung gemacht, war aber außerhalb von parteinaher Propaganda in den vergangenen Jahren kaum wahrnehmbar. Wer ihn erleben wollte, musste in einen AfD-Kreisverband fahren oder einen Wahlkampfauftritt aufsuchen.
Medien überschätzen ihre Rolle
Das liegt auch daran, dass die etablierten Medien ihre Rolle überschätzt haben. Ihre Logik war, dass man Extremisten wie Höcke in die Irrelevanz drängen könnte, wenn man sie nicht zu Wort kommen lässt. Früher hätte das funktioniert. Wer bis in die 1990er Jahre hinein nicht in den öffentlich-rechtlichen Medien oder den großen Tages- und Wochenzeitungen auftauchte, der war für die breite Öffentlichkeit einfach unsichtbar. Er konnte natürlich in dieser oder jener Nische ein Publikum finden, aber nicht in der breiten Masse. Das galt für Popbands wie für Parteien.
Doch das Internet hat diese Strukturen beseitigt, schrittweise seit den 2000er Jahren, abrupt mit dem Aufstieg von YouTube und Podcast-Plattformen in den 2010ern. Seitdem sind die Produktionskosten für audiovisuelle Inhalte immer weiter auf nahezu null gesunken, der Vertrieb der Inhalte ist ebenfalls kostenlos. Unter diesen Bedingungen verhindert eine Redaktion, die jemanden nicht einlädt, nicht mehr seinen Aufstieg. Sie schafft dann allenfalls eine Lücke zwischen der Realität und ihrer medialen Abbilung. Genau diese Lücke füllt Berndts Podcast.
Wenn Höckes Auftreten also eine der zentralen Legitimationen einer politischen Strategie ist, dann wollen die Menschen auch sehen, wie dieser Mann auftritt. Jetzt darf Höcke bei Berndt fast fünf Stunden lang den bürgerlichen Familienvater geben. Er kann erzählen und Anekdoten liefern, ab und zu kann er auch argumentieren. Damit kann er Millionen von Menschen ansprechen, die er in einer Talkshow nie erreichen würde.
ARD, ZDF und Zeitungen haben ihre Gatekeeping-Funktion verloren
Die Strategie des Nicht-Einladens basiert auf einer Selbstwahrnehmung, die mindestens zehn Jahre veraltet ist. Sie setzt voraus, dass ARD, ZDF und die großen Tageszeitungen bestimmen, worüber die Öffentlichkeit informiert ist. Das ist nicht mehr der Fall. Die Reaktion auf den Erfolg von Berndts Format darf sich deshalb nicht wieder in Empörung erschöpfen. Jetzt heißt es: Anerkennen, dass die Medien ihre Gatekeeping-Funktion verloren haben, daraus Schlüsse für die eigene Medienarbeit ziehen und, wenn einem nicht gefällt, wer in diesen Formaten zu Wort kommt: selbst etwas aufbauen.
Gemeint ist keine ÖRR-Variante von „Ungeskriptet”, in der Talkshow-Moderatoren künftig zwei Stunden statt einer senden. Das löst das Problem nicht, weil das Vertrauen in institutionelle Medien strukturell beschädigt ist und ein längeres Format daran nichts ändert. Gefragt wären linke Formate, die die Logik des neuen Medienökosystems akzeptieren und strategisch nutzen, statt sie zu beklagen.
Dass das möglich ist, zeigt in den USA zum Beispiel der Podcast Doomscroll. Der linke Host Joshua Citarella versteht jedes Gespräch, die auch bei ihm meist etwa drei Stunden lang sind, als einen Knotenpunkt im Empfehlungsalgorithmus. Das heißt: Wer einen kontroversen Gast einlädt, gibt ihm nicht einfach „eine Bühne“, sondern betritt auch dessen eigenen Empfehlungsfeed, zieht einen Teil seines Publikums mit und kann dieses Publikum anschließend auch zu anderen Inhalten bringen. Diese Strategie ist langfristig effektiver, denn politische Überzeugungsarbeit passiert nicht in einem einzigen Video, sondern über lange Zeit, durch Exposition.
Das Unbehagen über Berndts Format ist deshalb verständlich, aber es ist das falsche Gefühl zum falschen Zeitpunkt. Solange die Linke das neue Medienökosystem primär als Bedrohung begreift, überlässt sie es kampflos jenen, die es längst als Chance begriffen haben. Die Frage für diejenigen, die Höckes rechtsradikale Positionen nicht teilen, lautet deshalb nicht: Wie verhindern wir, dass so etwas wieder passiert? Sondern: Warum gibt es auf unserer Seite niemanden, dessen Gespräche drei Millionen Menschen sehen wollen?


