Überraschend ist eigentlich nur, dass es so lange gut gegangen ist. Seit der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt in seine heiße Phase getreten ist, absolviert der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund fast jeden Tag mehrere Wahlkampftermine. Verfolgen kann man das, vom Familienfest über die Simsonausfahrt bis zur Signierstunde am Marktplatzstand, nicht nur in Sachsen-Anhalt. Man kann es auch fast lückenlos online live mitverfolgen.
Verschiedene Aktivisten streamen nämlich fast jede Veranstaltung auf ihren Kanälen. Sie heißen Utopia TV, Weichreite TV oder Aktivist Mann. Mit Ausschnitten aus ihren Videos erreichen sie teilweise hunderttausende Klicks. Die einzelnen Streams erreichen mehrere zehntausend Zuschauer. Mit ihnen hat sich die AfD eine Form der Medienarbeit aufgebaut, die umso besser funktioniert, je weniger sie offiziell mit ihr zu tun hat. Und trotzdem gerät das Modell gerade ins Wanken.
Unangenehme Aufmerksamkeit erhält vor allem Matthäus Westfal, der seit mehreren Jahren den Kanal Aktivist Mann betreibt. In der Vergangenheit fiel er vor allem auf, als er sich 2020 auf den Stufen des Reichstags als „Journalist“ ausgab und wenig später den wegen Holocaustleugnung verurteilten Nikolai Nerling begrüßte. Rechtskräftig verurteilt wurde er später wegen Volksverhetzung, weil er einen Link zu einem antisemitischen NS-Propagandafilm verbreitet hatte.
In diesem Wahlkampf begleitet er Ulrich Siegmund, der ihn dafür auch öffentlich immer wieder lobt, bei fast jedem Termin. Besonderen Gefallen findet er offenbar daran, Journalisten und Medienvertreter bei ihrer Arbeit zu behindern. Meist geschieht das durch andauerndes und lautstarkes Beschimpfen, gelegentlich aber auch durch Körpereinsatz. Ein Video, in dem er einem Reporter von Spiegel TV einen Schulterstoß gibt, ging viral.
Kritik an den Streamern kommt auch von rechts
Sein Auftreten betrachten selbst einige in der rechten Bewegung kritisch – zu rüpelhaft, zu wenig anschlussfähig wirkt er in einem Wahlkampf, in dem man mit Ulrich Siegmund eigentlich schon einen charismatischen Dauerstrahler gefunden hat. Während sich die Partei zunehmend staatstragend geben will, geht Westfal nicht nur mit seinem Körpereinsatz gegen Journalisten viral, sondern auch mit seiner Rückfrage, als ein linker Streamer fragt, ob es den Holocaust gab: „Bist Du Jude?“
Die Frage nach Westfals Verhältnis zum Holocaust ist nicht unberechtigt: In der Vergangenheit solidarisierte sich Westfal mit der Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck. Ein wenig hat er aber dazugelernt: In mehreren Vorfällen, in denen sich AfD-Anhänger als Fans von Hitler zeigten, reagierte er demonstrativ empört und stufte die Aussagen seiner Gesprächspartner für seine Zuschauer (und die Justiz) als bloße Satire ein. Wenn solche Videos aber die eigene Bubble verlassen, ist man mit dem Eindruck, den sie hinterlassen, nicht zufrieden. Hans-Thomas Tillschneider, der als Kopf hinter Siegmund gilt, schrieb etwa auf X in Bezug auf Westfal, er „finde den auch unmöglich“. Den Post löschte er später.
Partei und Influencer-Aktivisten profitieren stark voneinander. Die Partei profitiert von der Reichweite, die ihr Influencer und Streamer verschaffen. Ein Tag am Wahlkampfstand in einer ostdeutschen Kleinstadt erreicht plötzlich nicht nur einige hundert, sondern zehntausende Menschen. Andererseits könnten die Influencer kaum ohne die starke Partei funktionieren. Sie profitieren von der Nähe zu Spitzenpolitikern, von exklusiven Interviews und endlosen Inhalten.
Rechte Medien gab es schon immer
Wer früher eine rechte Gegenöffentlichkeit mit einigermaßen großer Reichweite aufbauen wollte, brauchte dafür meist viel Kapital und eine entsprechende redaktionelle Infrastruktur. Die National-Zeitung des Multimillionärs Gerhard Frey ist dafür ein klassisches Beispiel. Es gibt auch heute noch den Versuch, auf diese Weise Einfluss zu nehmen, etwa mit dem Medium NIUS. Finanzier Frank Gotthardt hat, wie er kürzlich bestätigte, rund 40 Millionen Euro in das Portal gesteckt und allein 2024 einen Verlust von 16 Millionen Euro eingefahren. Er lässt sich sein Engagement also derzeit mehr als eine Million Euro im Monat kosten. Der Zugang, den solches Kapital kauft, bleibt eher im Hintergrund, aber es gibt ihn. Gegenüber der Zeit berichtete Gotthardt etwa kürzlich, dass Friedrich Merz vor seiner Kanzlerschaft mit einem kleinen „Sportreiseflugzeug“ zu ihm geflogen sei, um ein vertrauliches Gespräch zu führen.
Solche zentral finanzierten Medienprojekte haben allerdings klare Eigentums- und Entscheidungsstrukturen. Bei NIUS etwa lässt sich sehen, dass einige Themen (insbesondere Kritik an der transatlantischen Rechten) trotz der behaupteten Meinungspluralität kaum abgebildet werden. Genau das wird auch innerhalb der Rechten immer wieder kritisiert. Gotthardt selbst gibt zu, dass er Chefredakteur Julian Reichelt gelegentlich wissen lasse, wenn ihm etwas an der Berichterstattung nicht passt. Es gibt ihn also noch, den Versuch, über große, von Unternehmern subventionierte Medienprojekte politischen Einfluss zu nehmen.
Doch die AfD hat, anders als der etablierte Konservatismus, früh (und verstärkt seit den Corona-Protesten) vor allem auf Einzelfiguren gesetzt, die nah an der Partei, ihr aber nicht unterstellt sind. Auch Matthäus Westfal alias „Aktivist Mann“ steht nach Siegmunds eigener Aussage auf keiner Gehaltsliste der Partei, ebenso wenig wie der zweite Dauerbegleiter seines Wahlkampfs, der Kanal „Utopia TV“. Parallel dazu versucht die AfD, ihre Beziehungen zu Influencern stärker zu professionalisieren.
Wie professionell der Umgang mit ihnen abläuft, lässt zum Beispiel eine Stellenausschreibung der AfD-Fraktion im Bundestag aus dem Frühjahr erahnen: Die Fraktion sucht aktuell einen Influencer-Manager. Zu dessen Aufgaben zählen unter anderem der Aufbau und die Pflege der Influencer-Datenbank der Fraktion sowie die „Kontaktaufnahme und Korrespondenz mit relevanten Influencern“, aufbereitet in Briefings und Content-Ideen, aber auch die Erstellung und Verwaltung von Musterverträgen für die Zusammenarbeit mit Influencern sowie das Budgetmanagement für Influencer-Marketing-Kampagnen. Die Ausschreibung zeigt, dass die AfD offenbar stark darum bemüht ist, die Beziehungen zu Influencern zu professionalisieren, sie gegebenenfalls auch vertraglich zu binden.
Nähe ohne volle Kontrolle
Genau so versucht man, das Beste aus einer grundsätzlich widersprüchlichen Funktion zu machen. Denn einerseits sind die Influencer-Aktivisten für die Partei Gold wert. Man muss sie kaum bis gar nicht bezahlen, trotzdem sichern sie enorme Aufmerksamkeit und liefern Content am laufenden Band. Ein „Gonzo-Journalist“ ohne Vertrag bleibt dagegen offiziell nur ein Bürger mit eigener Meinung: Für seine Videos muss niemand geradestehen, seine Reichweite zahlt trotzdem in Siegmunds Kampagne ein. Die AfD bekommt so einen Kombattanten, der aggressiver auftreten darf als jeder eigene Funktionär.
Wie der Fall Westfal zeigt, ist aber gerade die Unabhängigkeit, die einen Streamer wie „Aktivist Mann“ für die Partei so billig macht, gleichzeitig der Grund, warum sie ihn im Ernstfall nicht belangen kann. Sie muss es aber auch nicht. Diese Form gesteuerter Unabhängigkeit funktioniert eben in beide Richtungen: Sie verschafft der Partei die Kontrolle über die Botschaft und gleichzeitig die Freiheit, für ihre Boten nicht verantwortlich sein zu müssen.



