Rechte lieben diese Studie – aber sie beweist das Gegenteil
Regelmäßig wird eine Studie geteilt, die angeblich zeigt, dass sich Linke nicht für die Menschen in ihrem Umfeld interessieren. Das passt zwar zur Propaganda der Rechten – die Studie selbst zeigt aber
„Shall I at least set my lands in order?“
– T.S. Eliot: The Waste Land
Erinnern Sie sich noch an die Radwege in Peru? 315 Millionen Euro habe die deutsche Bundesregierung angeblich für Fahrradwege und Busse in dem südamerikanischen Land ausgegeben, hieß es vor gut zwei Jahren in vielen Medien. Tatsächlich war es deutlich weniger Geld, das nach Peru ging; bei einem Großteil der Mittel handelte es sich außerdem um Kredite, die das Land zurückzahlen muss. Aber trotzdem passen die Radwege in Peru nur zu gut zur Geschichte, die Konservative und Rechte seit vielen Jahren über Linke erzählen: Mit dem Schicksal von Fremden am anderen Ende der Welt könne man ihr Herz erwärmen – für die Menschen in ihrem nächsten Umfeld interessierten sie sich hingegen nicht. „Die Ampel verteilt Geld in aller Welt, aber für unsere hart arbeitenden Bäuerinnen und Bauern ist angeblich kein Geld da?“, fragte der Generalsekretär der CSU damals.
Seit einiger Zeit scheint diese Geschichte auch Unterstützung aus der Wissenschaft zu bekommen. Vor allem eine Studie aus dem Jahr 2019 schafft es immer wieder zum viralen Hit in den sozialen Medien: Ideological differences in the expanse of the moral circle lautet ihr Titel. Sie scheint wissenschaftlich zu belegen, dass Linke sich eher um ferne Abstraktionen kümmern als um die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf diese Studie zu werfen. Tatsächlich kommen die Rechten dabei nämlich nicht viel besser weg als die Linken.
Die Studie und ihre Autoren
Mit der Studie, an der auch der bekannte Psychologe Jonathan Haidt beteiligt war, versucht eine Gruppe von Psychologen herauszufinden, ob es grundsätzliche Unterschiede zwischen politisch links und rechts eingestellten Menschen gibt – zwischen conservatives und liberals, wie es im amerikanischen Sprachgebrauch heißt. Die Hypothese der Autoren lautet, dass die Präferenz von Rechten für Ordnung, Stabilität und Hierarchien ihre Ursache in einer fundamentalen psychologischen Disposition habe. Konkret: Rechte verfügten über eine moralische Präferenz für ihnen nahestehende Menschen, Linke hingegen für eher ferne Gruppen.
Um das zu überprüfen, entwickelten die Forscher ein Experiment: Sie zeigten einer Zahl von Probanden ein Bild konzentrischer Kreise. Sie erklärten ihnen, dass der kleinste Kreis für die unmittelbare Familie steht. Der nächstgrößere umfasst dann schon die erweiterte Familie, es folgen die engsten Freunde, später kommen sogar alle Säugetiere dazu, und so weiter. Der äußerste Ring steht schließlich für alle Dinge, die überhaupt existieren. Anschließend stellten sie eine simple Frage: Für welche Gruppe fühlst du dich moralisch verantwortlich?
Das Ergebnis zeigt: Linken ist ihr Nahumfeld egal
Das Ergebnis zeigen sie auf einer Heatmap, die seit der Veröffentlichung der Studie immer wieder viral gegangen ist:
Die Grafik zeigt angeblich, dass Konservative/Rechte sich um die Menschen in ihrem nächsten Umfeld kümmern (viele Stimmen für die engsten Zirkel, in der Mitte wird es „wärmer“), während sich Linke/Liberale eher für die äußersten Zirkel interessieren. Ihnen seien „alle natürlichen Dinge inklusive regloser Dinge wie Steine“ (Ring Nr. 15) also wichtiger als ihre nächsten Mitmenschen!
Auch die Studienautoren scheinen das Ergebnis so zu interpretieren: „Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Moralvorstellungen von Konservativen sich eher auf Menschen beziehen, nicht jedoch auf andere Tiere oder Lebensformen, während die Moralvorstellungen von Liberalen auch Nicht-Menschen (sogar Außerirdische und Steine) mit einbeziehen“, schreiben sie.
Und so wird die Studie seit ihrer Veröffentlichung immer wieder herumgereicht, wenn sich Linke für etwas einsetzen, das sie gar nicht unmittelbar betrifft. Kein Wunder also, so könnte man das Ergebnis lesen, dass Linke lieber Geld für Radwege in Peru ausgeben als für den Bauern, der ihre Lebensmittel produziert.
Zweifel am Ergebnis – müssen sich doch die Rechten erklären?
Aber so einfach ist es nicht. Schaut man auf das Studiendesign im Anhang der Studie, zeigt sich, dass die Fragestellung gar nicht darauf zielte, eine Präferenz für eine dieser Gruppen abzugeben. Dort heißt es vielmehr, dass man auswählen soll, bis wohin das eigene moralische Verantwortungsgefühl reicht: Bis zu den Freunden? Bis zu den Mitbürgern seiner Nation? Oder bis zu allen Dingen, die existieren? Entscheidend ist Folgendes: Was auch immer man auswählt – die Kreise darunter werden inkludiert. „The number you select includes the numbers below as well“, heißt es dort:
Das Studienergebnis sagt also gerade nicht aus, dass sich Liberale nicht für ihre Nächsten interessieren. Es sagt bloß, dass sie zusätzlich Menschen einbeziehen, die ihnen fremder sind. Wer den äußersten Kreis ankreuzt, fühlt sich moralisch verantwortlich für seine Familie, aber auch für seine Freunde, für fremde Mitmenschen und, zum Teil, auch für die Natur. Wer nur den innersten Kreis ankreuzt, fühlt sich ausschließlich für seine Familie verantwortlich.
Hat man also bei der Studie tatsächlich nur einen der innersten Kreise angeklickt (was zumindest ein Teil der befragten Konservativen tat), behauptet man also von sich, keine moralische Verantwortung für Menschen außerhalb seiner Familie, seines Freundes- oder Bekanntenkreises zu empfinden. Angesichts dessen scheint das Ergebnis der Studie nicht auf ein moralisches Versagen der Linken hinzudeuten. Im Gegenteil: Eher sind es die Rechten, die sich erklären müssen.
Einen Teil der Menschen wird man nicht mit universalistischen Argumenten überzeugen
Obwohl die Studie also nicht das zeigt, was Rechte ihr unterstellen, ist sie dennoch aufschlussreich. Denn sie unterstreicht, was auch andere Studien gezeigt haben: dass Rechte tendenziell Schwierigkeiten damit haben, über ihr Nahumfeld hinauszudenken. Sie zeigen ein größeres Bedürfnis nach Struktur und Ordnung, wollen Ambiguität genau wie Änderungen am Bestehenden reduzieren und zeigen sich weniger interessiert an neuen Informationen.
Heißt das, dass jeder, der eher partikularistisch denkt, automatisch zu einem Rechten wird? Nicht unbedingt. Schließlich ist es mit dem Kapitalismus gerade das von den meisten Rechten bevorzugte Wirtschaftssystem, das bestehende Traditionen, Lebensweisen und Institutionen zerstört. Aber es heißt durchaus, dass man einen Teil der Menschen wahrscheinlich nicht mit universalistischen Argumenten überzeugen wird.
Die Ergebnisse sollte man aber ohnehin nicht überbewerten. Andere Studien zeigen, dass die allgemeinen moralischen Werte, die man bei solchen Befragungen angibt, kaum etwas mit dem tatsächlichen moralischen Verhalten zu tun haben. Denn natürlich geht es nicht darum, sich abstrakt für die eine oder die andere Moral zu entscheiden, sondern darum, das richtige Verhalten auch konkret einzuüben. Und darin sind Rechte wohl genauso schlecht wie Linke.




