Krieger oder Demokraten? Das unlösbare Dilemma der Bundeswehr
Immer wieder gibt es in der Bundeswehr rechtsextreme Vorfälle – oft verbunden mit sexuellen Übergriffen. Lässt sich das überhaupt vermeiden?
Das Fallschirmjägerregiment 26 aus Zweibrücken steht seit einigen Wochen im Fokus der Öffentlichkeit. Es habe erniedrigende Rituale, sexuelle Übergriffe, Frauenverachtung gegeben; dazu kommen Vorfälle von Nazitümelei, Hitlergrüßen und Antisemitismus. Ist es wieder nur ein „Einzelfall” in einer langen Reihe rechter Skandale? Die Verantwortlichen versuchen, genau wie manche Medien, zu beschwichtigen: Es gehe ausdrücklich nicht um sich „durch Verbände hindurch fressende Strukturen, die gebildet worden sind, um womöglich Staatsumstürze zu planen“, sagte Generalinspekteur Carsten Breuer. Die NZZ schrieb sogar entschuldigend von einem bloßen „Konflikt zwischen externer Bewertung und militärischer Binnenlogik“, als wäre alles nur eine Frage der Perspektive.
Die Beschwichtigungen und Versuche, Probleme bei der Bundeswehr zu Einzelfällen zu erklären, übersehen vielleicht einen fundamentalen Widerspruch, der die Bundeswehr seit ihrer Gründung prägt: Einerseits soll sie demokratische Staatsbürger in Uniform hervorbringen; zugleich will sie jedoch tötungsbereite Krieger ausbilden. Dass sich die beiden Ansprüche vereinbaren lassen, war von Beginn an die Wette der Bundeswehr: Der Soldat sollte sich als für den Verteidigungsfall bewaffneter Demokrat verstehen – und seine Tätigkeit nicht als Beruf, dessen Wertesystem außerhalb der zivilen Gesellschaft steht.
Die Regelmäßigkeit, mit der rechte Vorfälle und Gewalttaten in der Bundeswehr öffentlich werden, deuten darauf hin, dass es nicht gelungen ist, diesen Widerspruch aufzuheben; jedenfalls sollten sie Anlass genug sein, sich noch einmal genauer damit zu beschäftigen, wie die deutsche Armee mit diesen widersprüchlichen Anforderungen an seine Soldaten umgeht.
Genau damit beschäftigt sich der Sozialpsychologe Rolf Pohl. Der emeritierte Professor an der Universität Hannover hat in der Vergangenheit zu den psychologischen Grundlagen von Gewalttaten und Rechtsextremismus in der Bundeswehr geforscht. Er sagt im Gespräch mit Über Rechts, es gebe eine „Kluft zwischen den Anforderungen der inneren Führung und der Grundidee einer kriegerischen Männlichkeit, die reflexhaft tötungsbereit ist“.
Das heißt: Die innere Führung, der Soldaten folgen sollen, verlangt demokratische, humanitäre Soldaten. Gleichzeitig soll die Bundeswehr Männer ausbilden, die im Ernstfall Menschen auf Befehl töten sollen. Pohl erklärt, dass es genau diese Kluft ist, die Praktiken begünstigt, wie wir sie in Zweibrücken gesehen haben.
Initiation durch Erniedrigung
Das geht schon bei der militärischen Ausbildung los, sagt Pohl. Diese funktioniere nach dem Prinzip der Initiation – ein Begriff aus der Ethnologie, der beschreibt, wie Jungen durch Rituale zu Männern gemacht werden. In traditionellen Gesellschaften dient die Initiation dazu, den jungen Mann von allem „Mütterlichen und Weiblichen“ zu lösen, um ihn anschließend als vollwertiges Mitglied in die Gemeinschaft zurückzuführen.
Im Militär ist das Ziel jedoch nicht die Rückkehr in die zivile Gesellschaft: „Das Ziel ist der Krieg“, sagt Pohl. „Es geht nicht um die Rückkehr in die weibliche Welt, sondern darum, immun zu sein gegen Feinde, gegen die es zu kämpfen gilt.“ Immunität gegen alles vermeintlich Weiche, gegen jeden Zweifel, gegen jede Empathie, die im Kampf hinderlich sein könnte.
Es sind Werte, die die offizielle Ausbildung der Bundeswehr offiziell nicht vermitteln will. Der Soldat dieser demokratischen Armee soll in erster Linie den „Werten und Normen des Grundgesetzes in besonderer Weise verpflichtet“ sein, wie es in der Dienstvorschrift zur Inneren Führung heißt. Er soll die Würde des Anderen achten und sich für „Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität und Demokratie“ einsetzen, wie die Bundeswehr betont.
Und dennoch wird den beruflichen Anforderungen eines Soldaten – vor allem, wenn er in einer der Eliteinheiten kämpft – nicht gerecht, wer keinen Weg findet, sich so abzuhärten, dass er im Ernstfall bereit ist, sein Gegenüber auf Befehl hin möglichst effizient zu töten. Und so entstehen, um diesem Anspruch dennoch gerecht zu werden, inoffizielle Rituale, durch die der Soldat genug aushärtet, um dem Soldatenideal gerecht zu werden: schmerzhafte Prüfungen, erniedrigende Praktiken, sexualisierte Gewalt.
Das Muster zeigt sich auch bei dem Fall in Zweibrücken: Bei der Nahkampfausbildung sollen einem Soldaten Schläge in den Genitalbereich verpasst worden sein, ohne dass er sich schützen durfte. Er musste notoperiert werden. Ein Kompaniechef soll eine teilgeladene Pistole aus drei Metern Entfernung auf die Gesichter zweier Soldaten gerichtet haben.
Wenn man Pohl folgt, sind solche Praktiken keine Ausrutscher einzelner Sadisten. Sie entspringen vielmehr einem Männlichkeits- und Kriegerideal, das die Bundeswehr – trotz aller Bekenntnisse zur inneren Führung – faktisch hervorbringt. Die Bundeswehr verspricht, Krieger zu formen, verbietet aber die Mittel, die historisch dafür eingesetzt wurden: Regelmäßige körperliche Züchtigung, endlose Strafmärsche, erniedrigende Rituale wie Nacktinspektionen oder sexuelle Mutproben zum Abbau von Scham; die Entmenschlichung des Feindes; und eine eigene Militärjustiz, die jede Gehorsamsverweigerung bestrafte. Sie alle waren lange Zeit Standard, um aus Zivilisten Krieger zu machen. Doch zu einer demokratischen Parlamentsarmee passen sie nicht.
Dass man sie nicht mehr nutzt, hinterlässt eine Lücke, die einerseits durch inoffizielle Rituale gefüllt wird: Laut Pohl gibt es besonders in Eliteeinheiten eine „ganz hohe Dunkelziffer“ solcher erniedrigender Praktiken. Andererseits sucht man sich historische Vorbilder jenseits der als zu lasch empfudenen Bundeswehr – oft genug die Wehrmacht. In Zweibrücken etwa begrüßten sich Soldaten mit „Sierra-Hotel“, im NATO-Alphabet die Buchstaben für „Sieg Heil“. Es gab Hitlergrüße, eine „Nazi-Party“, „Judensau”-Beschimpfungen.
Historische Gelegenheitsstrukturen
Dass man dabei zur Wehrmacht greift, liegt auch an der Geschichte der Bundeswehr selbst. Der Historiker Jakob Saß, der zur Geschichte radikaler Rechter in der Bundeswehr forscht, erklärt das im Gespräch mit Über Rechts mit dem Begriff „Gelegenheitsstrukturen“: Die Bundeswehr wurde nicht als rechtes Projekt gegründet, sie war es auch offiziell nie. Aber sie gab Rechten von Anfang an systematisch Gelegenheit, ihre Ideologie auszuleben und weiterzugeben.
Denn eine solche Gelegenheitsstruktur, entstanden durch die Logik des Kalten Krieges und den einenden Antikommunismus, sei die Möglichkeit gewesen, die Wehrmacht zu verherrlichen. Man musste schnell eine schlagkräftige Armee aufbauen und brauchte auch dafür Vorbilder, Mythen, Traditionen. Die Antwort war faktisch die Wehrmacht – nicht offiziell, aber praktisch.
„Der Mythos der sauberen, hocheffizienten Wehrmacht ist quasi die DNA der frühen Bundeswehr“, erklärt Saß im Gespräch. Man brauchte Vorbilder, um jungen Rekruten das soldatische Handwerk beizubringen. Also nahm man sich die vermeintlich heroischen Taten von Wehrmachtssoldaten zum Vorbild. Damit das klappte, musste man jedoch ausblenden, welchem Zweck diese Taten dienten. „Man hat das soldatische Handwerk getrennt von dem politischen Zweck“, sagt Saß.
Diese selektive Erinnerung scheint bis heute zu funktionieren. Auch bei den Fallschirmjägern, so berichten es mehrere Medien, bildet das „Unternehmen Merkur“, also die Luftlandung auf Kreta 1941, einen zentralen Mythos. Militärisch war es eine beeindruckende Leistung: Deutsche Soldaten sprangen in dicht verteidigtes Gebiet, nahmen hohe Verluste in Kauf, siegten jedoch am Ende.
Was dann geschah, wird jedoch ausgeblendet: Nur zwei Tage nach dem Sieg erließen die Deutschen „Vergeltungsmaßnahmen“, die unter anderem die „Ausrottung“ der männlichen Bevölkerung in betroffenen Orten vorsahen. So erging der Befehl, für jeden deutschen Gefallenen zehn Kreter zu erschießen. Tausende Kreter wurden während der deutschen Besatzung getötet. Die verherrlichende Traditionspflege machte die Parlamentsarmee über Jahrzehnte attraktiv für Rechte.
Und so überrascht es nicht, dass fast alle wichtigen Akteure der Neuen Rechten eine Verbindung zur Wehrmacht haben – Götz Kubitschek etwa, erzählte Sebastian und mir in einem Interview vergangenen Sommer, dass er bei der Bundeswehr von einem Vorgesetzten auf den wichtigsten neurechten Vordenker Armin Mohler aufmerksam gemacht wurde. In der Feature-Reihe Deutsches Denken haben wir außerdem gezeigt, wie die Demonstrationen gegen die Wehrmachtsausstellung in den 1990er Jahren zum wichtigsten Katalysator für die neurechte Reorganisation in Deutschland wurden. Der Historiker Jakob Saß sagt im Gespräch heute, dass das kein Wunder sei: „Die Neue Rechte hat sich kontinuierlich aus Bundeswehr-Netzwerken rekrutiert.“
Und das gelte auch andersherum: Eine Reihe hochrangiger Offiziere, die die frühe Bundeswehr aufbauten, hatten rechte Einstellungen. Die Namen spielen heute außerhalb der Bundeswehr kaum noch eine Rolle: Heinz Karst und Albert Schnez etwa. Doch in den frühen Jahren der Bundeswehr kämpften sie aktiv gegen ein umfassendes Verständnis von „innerer Führung“ und des „Staatsbürgers in Uniform“.
Stattdessen predigten sie, etwa 1969 in der sogenannten Schnez-Studie, traditionelle Werte wie Härte, Loyalität, Befehl und Gehorsam als Grundlagen des Soldatentums. Sie hielten die Idee eines „Staatsbürgers in Uniform“ für untauglich, um im Ernstfall gegen die auf die Disziplin gedrillten Soldaten der Roten Armee zu bestehen. Stattdessen forderten sie also eine Rückkehr zu den klassischen Krieger-Idealen, die sie zum Teil noch selbst aus der Zeit der Wehrmacht kannten. Und so tolerierten sie nicht nur rechtsradikale Soldaten, sondern förderten sie auch in ihrer Laufbahn. Schließlich galten sie– anders als linke Soldaten – als besonders „wehrwillig“.
Öffentlich zeigten solche Offiziere ihre Weltanschauung meist erst nach der Pensionierung. So initiierte etwa Heinz Karst nach seiner Zeit bei der Bundeswehr die Hans-Filbinger-Stiftung, die das neurechte Studienzentrum Weikersheim fördern sollte. Der Gründungsmythos der Bundeswehr als demokratischer Armee sind deshalb auch historisch brüchiger, als die offizielle Geschichtsschreibung oft wahrhaben will.
Ein unlösbarer Widerspruch?
Was also kann man tun, um Vorfälle wie Zweibrücken zu verhindern? Braucht es mehr politische Bildung? Strengere Kontrollen? All das kann helfen. Aber klar ist auch, dass man damit immer nur versucht, einen grundlegenden Widerspruch zu kitten: Den, dass ein Mensch, der die Grundlage der Demokratie anerkennt – dass jeder Mensch in der Lage ist, über sein Leben selbst zu entscheiden – nicht gleichzeitig eine jederzeit abrufbare Tötungsmaschine sein kann.
Die Idee der inneren Führung, des Staatsbürgers in Uniform – sie sollte zeigen, dass ein demokratisches Militär möglich ist. Aber die Geschichte der Bundeswehr, von ihrer Gründung 1955 bis Zweibrücken 2025, erzählt durchaus eine andere Geschichte. Sie erzählt von einem Widerspruch, der sich nicht auflösen, sondern höchstens einhegen lässt.


