Die linke Geschichte des Postliberalismus
Der Postliberalismus gilt als Projekt der Rechten. Doch die Diagnose kommt ursprünglich aus der britischen Linken. Sie könnte auch heute noch helfen, den Liberalismus besser zu verstehen.
Wer den US-amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance nur aus den deutschen Medien kennt, dürfte überrascht sein, wenn er dessen neues Buch Communion liest. Von dem „Nationalismus, der Blut-und-Boden-Anklänge hat“ (Blätter) findet man darin wenig. Man begegnet eher einem nachdenklichen Erzähler, den es umtreibt, dass seine Studienfreunde alle um die gleichen sinnlosen Consultingjobs konkurrieren, und der nicht versteht, warum seine konservativen Freunde das Recht auf Abtreibung zu ihrem Hauptthema machen, wenn sie sich anschließend nicht für die Bedingungen interessieren, unter denen diese geretteten Leben stattfinden werden. Communion ist, bei aller Kritik an seinen blinden Flecken, ein intellektuell ernsthaftes Buch. Über manche Fragen, etwa die brutale Migrationspolitik seiner eigenen Regierung, geht der Autor schneller hinweg, als es angemessen wäre. Vor allem aber skizziert es, wie Vance die MAGA-Koalition nach dem Ende von Trumps zweiter Amtszeit aufstellen will: als ein Projekt, das er selbst gelegentlich als „Postliberalismus“ bezeichnet.
Im deutschen Diskurs dient dieser Begriff meist als Warnung. Die US-amerikanische Rechte soll damit in die Nähe des Anti- und Illiberalismus eines Carl Schmitt oder Viktor Orbán gerückt werden. Das ist, angesichts der autoritären Politik der zweiten Trump-Regierung und dem positiven Bezug mancher Postliberaler auf die inzwischen abgewählte Orbán-Regierung, nicht ganz falsch. Doch wer sich intensiver mit dem postliberalen Denken beschäftigt, merkt schnell, dass es heterodoxer ist, als es von außen scheint. Die postliberale Kritik ist kein simples „Recycling-Projekt anti-liberaler Traditionsbestände“, wie es einmal im Philosophie Magazin hieß. Ihre Grunddiagnose ist sogar erstaunlich schwer zu widerlegen: Der Liberalismus untergräbt die Bedingungen seiner eigenen Existenz, und die Institutionen, die das bislang kompensiert haben, lösen sich in dem Maße auf, in dem er sich entfaltet.
Vor allem aber ist es ursprünglich gar keine rechte Ideologie. Das postliberale Denken hat seinen Ursprung auf der britischen Linken, US-amerikanische Konservative haben es erst später für sich beansprucht. Um zu verstehen, wie aus der linken Kritik am real existierenden Liberalismus die intellektuelle Grundlage für die Politik von JD Vance werden konnte, muss man deshalb zunächst nach London blicken.
Ein konservativer Sozialismus für Großbritannien
Nach der Finanzkrise 2008 gerät die Labour-Partei in eine tiefe Krise. Der dritte Weg von New Labour hatte zwar Wahlen gewonnen, aber das Versprechen, Wirtschaftsliberalismus und soziale Gerechtigkeit miteinander zu verbinden, hatte sich als unhaltbar erwiesen. Spätestens nach der Niederlage bei der Unterhauswahl 2010 gilt das Projekt als gescheitert.
In dieser Zeit sammelt der Londoner Politiktheoretiker Maurice Glasman eine neue Strömung innerhalb der Partei um sich: Blue Labour sollte sie heißen. Das Programm ist in fast jeder Hinsicht das Gegenteil von New Labour. Ökonomisch soll sich die Partei wieder am Nationalstaat orientieren und bereit sein, in die Wirtschaft einzugreifen, wenn es dem Wohl der Menschen dient. Gesellschaftspolitisch soll sie sich vom programmatischen Liberalismus lösen und für das eintreten, was Glasman 2009 einen „zutiefst konservativen Sozialismus“ nannte: eine Politik, „die Familie, Glauben und Arbeit zu ihrem Kern macht und auf Gegenseitigkeit, Gemeinschaftssinn und Solidarität beruht.“ Konservatismus und Sozialismus sollen sich gegenseitig bedingen, einander brauchen. Während der klassische Sozialkonservatismus Fürsorge von oben organisierte, um die soziale Ordnung zu sichern und revolutionäre Ansprüche der Arbeiterbewegung abzufangen, zielt Glasmans konservativer Sozialismus dabei aber auf die Selbstorganisation der Arbeiterklasse.
Blue Labour ist damit von Anfang an eine dezidiert britische Tradition. Sie beruft sich auf die spezifische Geschichte der Labour-Bewegung: eine Arbeiterbewegung, die – anders als die deutsche Sozialdemokratie – nie programmatisch säkular war und die Kirche, insbesondere den Methodismus, immer als mindestens so wichtigen Anstoßgeber betrachtete wie den Marxismus. Glasman greift vorrangig auf diese eigenwillige Tradition zurück.
Nach und nach verbindet sich sein politischer Impuls jedoch mit einem intellektuellen Strang, der in den 1990er-Jahren innerhalb der britischen Theologie entstanden war: die Radical-Orthodoxy-Bewegung des Theologen John Milbank. Ohne Milbank wäre Blue Labour wohl eine nostalgische Reformbewegung und zu sehr verhaftet geblieben in den Eigentümlichkeiten der britischen Arbeiterbewegung, um weit über diese hinaus zu wirken. Durch ihn bekommt das politische Projekt aber eine philosophische Grundierung, die weit über den Kanal und den Atlantik reichen sollte.
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